Kosmos und Kultur. Wie das eine aus dem anderen hervorgeht

Von Albrecht Hüttig, Juli 2018

Hat der Kosmos für die gegenwärtige Kultur eine Bedeutung? Diese Frage stellt insofern eine Vereinfachung dar, als die gegenwärtige Kultur ein globaler Plural ist.

Foto: © n_toy/photocase.de

In westlich orientierten Kulturen spielt der Kosmos eine untergeordnete Rolle. Interessant ist die – astronomisch gesehen – unmittelbare Erdumgebung. Sie dient technischen und militärischen Interessen für Satelliten zur Datenübertragung oder GPS, für das Weltraumteleskop Hubble und Weltraumstationen.
Schlagzeilen liefern Mitteilungen, es seien Gravitationswellen gemessen oder eine Supernova gesichtet worden – verbunden mit den gängigen Erklärungsmodellen. Die Klima- veränderung hat bewirkt, dass der Blick für die ökologischen Bedingungen geweitet wurde. Somit macht sich ein Bewusstsein dafür bemerkbar, dass natürlich auch die Erde in einem kosmisch-ökologischen Zusammenhang steht, der über das Sonnensystem hinausreicht. Sie isoliert begreifen zu wollen, ist ein Irrweg. Was dem Kosmos an aktueller Kulturprägung zugeordnet werden kann, sind ansonsten religiöse Jahresfeste, die jedoch die Kultur nur noch bedingt prägen.

Nimmt man eine historische Perspektive ein, so kann unsere Gegenwart als Ausnahme bezeichnet werden – das zeigt ein Blick auf die Phänomene vergangener Kulturen.

Göttliches und menschliches Handeln sind eins

Sobald wir Hochkulturen betrachten, ergibt sich eine radikal andere Wechselbeziehung: Der Kosmos gestaltet die Kultur – sichtbar an archäologischen Sakralbauten Mittelamerikas, Mesopotamiens oder Ägyptens, an Kultanlagen der Megalith-Epoche in Europa, an der Ausrichtung von Tempeln, was dann auch Synagogen oder Kirchen betrifft. Der Mensch ist eingebettet in die Natur, in die Erde und den Kosmos, die alle als Gottheiten verstanden werden. Astronomie zu betreiben, wie das bei den Mayas, Azteken, Chinesen oder in Hochkulturen Europas der Fall war, dient häufig der Bestimmung des richtigen Zeitpunkts für Kulte, damit göttliches und menschliches Handeln in Harmonie vonstatten gehen.

Äußerlich gesehen finden wir dann sehr exakte Zeitan­gaben für die Revolutionen der Gestirne inklusive der Sonne mit ihrer zentralen Kulturbedeutung. Kein Planet soll in seiner physikalisch-mathematisch erklärbaren Bewegung erkannt werden, sondern die Bewegungsgesetzmäßigkeit der Gottheiten, mit denen existenzielle Wechselbeziehungen bestehen.

Der aztekische Opferkult – Xiumolpili – erfolgt, wenn exakt vier mal 13 Jahre vergangen sind. Diese Zeit ergibt sich aus den Bewegungsverhältnissen der Himmelskörper, also Gottheiten Erde, Venus und Sonne: fünf synodische Venusrevolutionen entsprechen exakt acht siderischen Sonnenrevolutionen, geozentrisch betrachtet. Dass es genau ausgerichtete Observatorien und eine ausgeprägte Verschriftlichung der astronomischen Zeitmessungen in dieser Kultur gab, wird nicht verwundern.

Sternbilder wie der Orion werden von unterschiedlichen Kulturen, die keine materielle Verbindung aufweisen, aufgrund des jeweiligen Mythos als Einheit gesehen –, und es gibt Varianten für die Sternbilder des Zodiak (Tierkreises), wobei die Unterschiede zwischen den uns geläufigen und denen des alten China am bekanntesten sind. Man mag das als Zufall bezeichnen, weil einem heute der Zusammenhang der Sterne mit einem Sternbild willkürlich erscheint. Für die alten Kulturen ist diese Sichtweise falsch, denn für sie manifestiert sich der Mythos auch am Sternenhimmel.

Die Position der Sonne und der anderen Planeten im Zodiak bedingt eine spezifische Wechselbeziehung bei der Geburtsstunde jedes Menschen. Von dieser Erfahrung alter Kulturen ist eine trivialisierte Astrologie mit rein hypothetischen Aussagen übriggeblieben.

Wissenschaft und Religion widersprechen sich nicht

In der griechischen Epoche entsteht die Philosophie als ein neues Kulturphänomen mit weitreichenden Folgen – der Beginn wissenschaftlichen Denkens in Europa. Für die Astronomie sei auf Eratosthenes verwiesen, der den Erdumfang anhand exakt vermessener Schattenwinkel errechnete. Jetzt geht es um das Durchschauen der Welt – Religion allein reicht nicht mehr, aber die Spiritualität bleibt erhalten. In der neuplatonischen Philosophie wirkt Macrobius’ Werk »Commentarii in Somnium Scipionis« von der Spätantike über das Mittelalter bis in die Neuzeit. Dass die Erde eine Kugel ist, wird nie bestritten.
Die Gravitation sorgt als auf den Erdmittelpunkt gerichtete Kraft dafür, dass es »Gegenfüßler« (»Antipoden« geben kann) – unsere Antipoden befinden sich in Neuseeland. Im von der Weltseele durchdrungenen Kosmos ist die Erde eingebettet und mit ihr der irdische Mensch.

Macrobius überliefert, wie jeder Mensch den Weg von seinem individuellen Stern durch die Galaxie, den Tierkreis und dann durch die Planetensphären bis zu seiner Geburt auf der Erde nimmt. In jeder Planetensphäre erhält er dessen spezifische Qualität: die Logik vom Saturn, die Tatkraft vom Jupiter, psychische Fähigkeiten des Männlichen vom Mars, die Wahrnehmungsfähigkeit von der Sonne, psychische Fähigkeiten des Weiblichen von der Venus, die Sprachfähigkeit vom Merkur, das Wachstum und die Fortpflanzung vom Mond und den materiellen Körper, der ihn zu einem sterblichen Wesen macht, von der Erde. Wie sich der Mensch reinkarnieren wird, hängt von seiner vorgeburtlichen Wahl aus vorherigen Inkarnationen ab. Was zeigt sich hier? Ohne Kosmos kann es für dieses Kulturbewusstsein weder den Menschen noch die Erde geben. Der Mensch ist aus dem Kosmos und durch ihn entstanden, gleichzeitig ist er ein Zentrum, das die kosmischen Wirkungen in sich konzentriert. Jeder Planet ist sowohl am Himmel als auch im Menschen anwesend. In Reinform haben wir es mit der Wechselbeziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos zu tun. In allen mittelalterlichen Bildungseinrichtungen werden neuplatonische Schriften studiert und gelegentlich auch kommentiert. Astronomie ist ein Lehrfach im Quadrivium der Universitäten. Schauen wir in die Renaissance, so finden wir auch da einen ausgeprägten Platonismus, der nicht als Widerspruch zum Christentum aufgefasst wird.

Johannes Kepler ist hier zu nennen. Die Suche nach den von ihm entdeckten Gesetzen entspringt seiner Motivation, die göttliche Wirkungsweise geistig zu begreifen: Exakte Beobachtung unter Verwendung aller greifbaren Daten seiner Vorgänger und die unentwegte Suche nach den geistigen Ideen, die dem Kosmos zugrunde liegen, führen ihn. Der Schöpfungsgrund ist für Kepler eine lebendige Geometrie. Deren Archetypus ist Teil des göttlichen Ursprungs. Der Kosmos, genauer: das kopernikanische Sonnensystem, ist ein Bild für die Trinität: Die Sonne entspricht dem Vater; die Peripherie jenseits der Planetenbahnen Christus, der erfüllte Raum zwischen Zentrum und Peripherie dem Heiligen Geist, neuplatonisch die Weltseele (Anima Mundi). Es gibt bei Kepler keinen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft, ebensowenig wie bei Giordano Bruno. Diesen verbrennt die katholische Kirche, weil seine Anschauungen über die Unendlichkeit des Kosmos, über Gott und den ihn suchenden Menschen weit über die Vorstellungsgrenze der damaligen katholischen Kirche hinausgehen. Galileo Galilei ist ein weiteres Opfer kirchlicher Repression.

Isaac Newton kann seine Forschungen ungestört in England betreiben – auch er ein tiefreligiöser Mensch und bahnbrechender Wissenschaftler in den Bereichen der Differenzialrechnung, der Gravitationswirkung, der absoluten mathematischen Bestimmung von Raum und Zeit, deren Messbarkeit nur relativ ist.

Mensch und Kosmos werden mechanisch

Was passiert in der Kulturentwicklung, wenn Wissenschaftler von der zum Machtfaktor gewordenen Religion ausgeschaltet oder massiv eingeschränkt werden?

Die Wissenschaft ordnet sich nicht in den engen Radius der katholisch definierten Religion ein und kommt ohne die darin konservierte Gottesvorstellung aus. Religion und Wissenschaft trennen sich – eine Weichenstellung hin zum Materialismus, der seinen Höhepunkt im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert findet. Diese Kultur begreift den Kosmos konsequent mechanistisch, den Menschen ebenso, was seinen Niederschlag im Imperialismus und Sozialdarwinismus findet. Zugleich manifestieren sich Gegenbewegungen im gleichen Kulturraum.

Rudolf Steiner verweist bei der Begründung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auf die Wechselwirkung der organischen Vorgänge mit dem Kosmos. Einstein beseitigt mit seinen kühnen Betrachtungen die Sicherheit, es gebe Raum und Zeit absolut, denn sie gehören zusammen und sind nicht voneinander abstrahierbare Größen. Die Relativitätstheorie wird durch astronomische Messungen bestätigt: Der gemessene Abstand der Sterne verändert sich in der Umgebung der Sonne bei totaler Sonnenfinsternis; die festgestellten Perihelbewegungen der Planeten stimmen mit klassischen Berechnungen nicht überein, denn der Raum kann sich »krümmen«.

Der Blick in die Geheimnisse der Materie eröffnet mit der Quantentheorie bis dahin unbegreifliche Phänomene – ihr maßgeblicher Vertreter, Werner Heisenberg, ist zutiefst von Kepler und Goethe beeindruckt. Deren ganzheitlicher Betrachtungsweise und wissenschaftlicher Haltung schreibt er Schlüsselstellungen für die neue Ära der Wissenschaften zu. Wolfgang Pauli verglich die Spektren chemischer Elemente mit der Sphärenharmonie – einem Forschungsgebiet Keplers. Für den ebenfalls revolutionären Akt, das Fenster zum Kosmos unvorstellbar weit geöffnet zu haben, kann Edwin Hubble stehen. Seine Methode ermöglichte, über die eine und uns visuell bekannte Galaxie hinaus unzählige Galaxien photographisch sichtbar zu machen. Er untersuchte diese Galaxien spektralanalytisch und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass sich das Spektrum eines bekannten chemischen Elementes wie zum Beispiel Helium in den langwelligen Bereich (Rot) verschob. Aus der Annahme, die Rotverschiebung sei gleichzusetzen mit einer zunehmenden Entfernung der Galaxien voneinander, ergab sich linear gedacht, dass sich das Universum ausdehnen müsse.

Also auch hier: kein absoluter Raum, sondern ein dynamischer. Daraus hat sich dann das heute gängige Modell des »big bang« entwickelt. Heftig diskutiert, wie noch zu zeigen sein wird, spricht es dem Kosmos eine Geschichte zu. Auch er ist einmal entstanden und wird – je nach Modellannahmen – vergehen.

Zeit, sich vom Reduktionismus zu verabschieden

Dass mit solchen Sichtweisen der Kosmos aus unergründbaren Anfangsmomenten und auch der Mensch quasi als Zufallsprodukt entstanden ist, hat zu Kontroversen geführt. In unserer Kultur ist daraus ein heftiger Kampf der Wissen­schaften entstanden. Denn es ist typisch, dass ein Modell, das aufgrund seiner linear-mechanistisch gedachten Annahmen zu einer Erklärung führt, nach geringer Zeit seinen Modellcharakter verliert und dann fälschlicherweise als reales Phänomen angesehen wird. Darwins Beobachtungen waren dem gleichen Prozess unterworfen, an dessen Ende ein simplifiziertes Modell steht, das den Menschen zum höheren Säugetier erklärt – als ob das ausreichend wäre, um den Menschen zu erfassen. Die Evolution ist viel komplexer. Thomas Nagel hat aus seiner Kritik an simplifizierenden Reduktionismen einen Buchtitel gemacht: »Geist und Kosmos – Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist«. – Die anschließenden hitzigen Debatten waren beabsichtigt.

Der Astrophysiker Halton Arp hat bei seinen Galaxie-Forschungen Quasare einbezogen. Quasare sind Beinah-Sterne, also Sonnen, in einem besonderen radioaktiven Zustand, die zu Galaxien gehören. Da sie eine enorme Rotverschiebung aufweisen, die größer ist als diejenige der Galaxien selbst, zu denen sie gehören, interpretiert Arp die Rotverschiebung als Zeichen dafür, in welchem Maß Materie entsteht. Stünde sie für Entfernungszunahme, dann ergäbe sich die paradoxe Situation, dass sich der Quasar mit einer wesentlich höheren Geschwindigkeit bewegen würde als die Galaxie, zu der er jedoch gehört. Arp ist mit seiner Ansicht, die im Kosmos organische Qualitäten verortet, nicht durchgedrungen.

Ähnlich vehement ist der Nobelpreisträger Robert Laughlin aufgetreten, und zwar aus dem gleichen Grund. Physiker bis zum Rang des kürzlich verstorbenen Stephen Hawking, der Theorien über Schwarze Löcher – ein hochinteressantes Thema an sich – erstellte, würden sich in Hypothesen verlieren und an reduktionistischen Modellen hängen, kritisierte Laughlin. Das gehe an der Realität vorbei. Deshalb hält Laughlin nichts vom Modell des »big bang«.

Physiker, schreibt er, müssten bemerkt haben, dass Phänomene gerade nicht aus ihren kleinsten Bestandteilen – der atomaren Struktur – erklärbar seien, sondern vielmehr aus der Komplexität. Formen und Verhalten treten spontan und unprognostizierbar auf – Emergenz genannt –, und das seien die realen Forschungsinhalte, behauptet Laughlin. Wir kennen diese Vorgänge aus der Meteorologie, aus der sich maßgeblich die Chaostheorie entwickelt hat: Das Wetter ist deswegen in einem nur sehr kurz bemessenen Zeitpunkt vorhersagbar, weil es von unzähligen Faktoren abhängt, die ineinander wirken. Mechanistische Methoden scheitern auch hier.

Sie tun es ebenfalls in der Astronomie. Nach den gleichen Messmethoden, aus deren Resultaten die Vertreter des »big bang« eine Expansion des Kosmos folgern – alles im Kosmos entfernt sich voneinander, der Raum expandiert – ist eine konträre Dynamik festgestellt worden. Zwischen unserer Galaxie, der das Sonnensystem angehört, und der uns am nächsten befindlichen Galaxie, M31, wird der Abstand kürzer. Nach dieser Berechnung oder Dateninterpretation wird es in einer Zeit, die astronomisch betrachtet überschaubar ist (vier Milliarden Jahre), zu einer Durchdringung beider Galaxien kommen.

Kommen wir zum letzten Beispiel. Eine hypothetische Größe ist die bis heute nicht nachweisbare »Dunkle Materie« – sie wird deshalb als existent angenommen, weil die Rotationsbewegung von Galaxien ohne deren Hilfe nicht erklärbar ist. Grundlage ist die Annahme, die seit Newton gilt, dass sich die Gravitation konstant verhalte, das heißt, zwischen zwei Körpern nimmt sie bei zunehmender Distanz mit dem Quadrat der Entfernung ab (r-2).

Zur Zeit wird diskutiert, ob die Abnahme der Gravitation in der großen kosmischen Raum-Zeit-Dimension auch linear verlaufen oder ein emergenter Quanteneffekt sein könnte. Auf die Lösungssuche darf man gespannt sein. Sie ist Ausdruck dafür, dass lineare Betrachtungsweisen an immer deutlichere Grenzen stoßen.

Der Kosmos ist – das zeigt sich an dieser Skizze – in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich bis konträr erfasst worden. Seine Bedeutung unterliegt einem enormen kulturellen Wandel. In der Gegenwart überwiegt eine Haltung, die ihm physikalische Relevanz zuerkennt. Seine spirituelle Dimension hingegen bleibt latent. Der Dialog, die Wechselbeziehung zwischen beiden, darf intensiviert werden.

Zum Autor: Dr. Albrecht Hüttig ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart und im Vorstand der Internationalen Assoziation für Waldorfpädagogik in Mittel- und Osteuropa.

Literatur: W. Hutter, A. Preuß, A. Schad (Hrsg.): Astronomie. Aktuelle Perspektiven zur Himmelskunde und Kosmologie (Schriften des NMI), Baltmannsweiler 2017, darin u.a. A. Hüttig: Die gemeinsame Geschichte von Astronomie und Bewusstsein; W. Hutter: Dynamische Verhältnisse im Kosmos, und A. Schad: Auf der Suche nach dem Zentrum des Kosmos.

Kommentare

Hanke Maerten, Oldenburg, 04.07.18 13:07

Ein tiefgründiger Artikel! Freue mich bei Herrn Dr. Hüttig studiert zu haben...

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