Missverständnis

Von Mathias Maurer, Oktober 2019

Wer kennt es nicht, ob zu Hause, in der Klasse oder auf der Autofahrt: laute, streitende Kinder, die hauen, kratzen und schreien, die über Tische und Bänke gehen, keiner Anweisung folgen, obendrein noch freche Antworten geben.

Das kann man ja mal aushalten. Doch wenn es zum Dauerzustand wird, kommt man an seine Grenzen. Eltern wie Lehrer sind manchmal ratlos, doch erstere können ihre schwierigen Kinder nicht einfach »abschieben«, eine Schule schon.

Ehrlich gesagt: Ich mag das Wort Erziehung nicht, auch nicht, wenn sie eine Kunst sein soll. – Was soll künstlerisch daran sein, am Rand eines Nervenzusammenbruchs oder Wutanfalls entlang zu balan­cieren? Und erziehen klingt mir nach »ziehen«, klingt nach jemanden nach meinem Willen dort hinziehen, wohin er eigentlich aus eigenem Antrieb nicht will. Außerdem weiß ich es besser und weiß, was gut für das Kind ist. Ein Bild, in dem sich automatisch Spannungs- und Druckverhältnisse einstellen ...

Wir sitzen bei der Erziehung einem fundamentalen Missverständnis auf, denn sie »funktioniert« völlig anders. Erziehung zieht und drückt nicht, sondern pulst wie ein Herz: Sie wird nicht von einem zentralen Motor angetrieben, nicht von den Intentionen des Erziehers, Lehrers, der Mutter oder des Vaters oder eines pädagogischen Gurus, sondern indem in der Peripherie des Kindes Entwicklungs-, Spiel- und Freiräume bereitgestellt werden, in die die individuellen Impulse des Kindes hineinfließen und sich entfalten können. Beim Kind wird dort das Interesse entfacht, wo es etwas in seiner Umgebung über Welt und Mensch zu erfahren gibt. »Das Kind ist belehrt«, so Rudolf Steiner und wir erziehen (uns) dadurch, dass wir lernen, die Impulse des Kindes zu verstehen und damit umzugehen. Das Kind holt sich das, was es zu seiner individuellen Entwicklung braucht, selbst aus seiner Umgebung heraus, nicht aus dem, was die fokussierte Absicht des Erziehenden jetzt will. Auch wenn wir sagen: Dieses Kind stört, es kann nicht hören – die erzieherische Geste ist gerade umgekehrt: Der Erzieher hört auf das Kind und das Kind spricht.

Ja, und das ist eine Kunst, denn auch sie lebt vom dialogischen Prinzip zwischen Punkt und Umkreis, zwischen Individuum und Gemeinschaft. Kommt das Beziehungsgespräch ins Stocken oder zum Er­liegen, dann fangen die Erziehungsfragen, die sich meist in Lern- und Disziplinschwierigkeiten äußern, erst an. Auch in diesem Punkt, legte Steiner den Finger auf die Wunde: Erziehungsfragen sind im Kern soziale, also Beziehungsfragen. – Und keiner ist Schuld an der »Störung«, weder Lehrer noch Eltern, am wenigsten die Kinder selbst.

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