Mit den Augen des Kindes

Von Leonhard Schiffer, Februar 2011

Das Phänomen der Leistungsverweigerung ist allen, die mit Kindern zu tun haben, hinlänglich bekannt. Kinder sind in ihrer Entwicklung darauf angewiesen, auszuprobieren, Verbotenes zu tun, sich zu entziehen oder zu verweigern. Keine gesunde Persönlichkeit kommt darum herum. Natürlich, angepasste Kinder erscheinen den Erwachsenen bequemer, irgendwie leichter, doch sind das die Menschen, die die Zukunft braucht?

»Wer beschäftigt sich schon gerne freiwillig mit Kurvendiskussionen, Schönschreiben oder der Klassifikation von Pflanzen?«, fragt Bettina Bonus, und beschreibt die Lernsituation von Kindern, die zumindest in den ersten Schuljahren – wie Rudolf Steiner zeigt – aus Liebe zum Lehrer bzw. zu den sie umgebenden Erwachsenen lernen. Doch der Autorin geht es ausschließlich um Pflege- und Adoptivkinder, bei deren Erziehung das beschriebene allgemeine Phänomen zu einer für Außenstehende oft unbegreiflichen Besonderheit wird. Die Anstrengungsverweigerung kann in allen Bereichen des alltäglichen Lebens, zu Hause und in der Schule, auftreten. Meistens tritt sie jedoch in der Schule auf, da hier an die Kinder regelmäßige Leistungserwartungen gestellt werden. »Das Phänomen der Anstrengungsverweigerung kann so weit gehen, dass ein Gesamtbild einer leichten bis schweren Lernbehinderung oder ggf. auch einer leichten bis schweren geistigen Behinderung entsteht.« Hier ist es nun insbesondere für die Lehrkräfte wichtig zu wissen, dass ein solches Kind seine Leistungspotenziale einfach nicht einsetzen möchte und die Schwierigkeiten offenbar in einem völlig anderen Bereich liegen. Mit den Leistungsanforderungen an ein solches Kind sollten die begleitenden Erwachsenen keinesfalls nach unten gehen, da dadurch die negative Entwicklung nur noch verstärkt wird. Passive Freizeitbeschäftigungen sind unbedingt zu meiden. Alle Fortschritte, egal in welchem Bereich, sogar die kleinsten und allerkleinsten sollten gesehen und ausgiebig gewürdigt werden. Dabei ist es auch wichtig, immer ruhig und geduldig, liebevoll zugewandt und positiv gestimmt zu bleiben. Diese Kinder brauchen Unterstützung und Hilfe.

Die Autorin bietet professionelle Unterstützung für Adoptiv- und Pflegeeltern an. Die Einzelheiten sind auf der Homepage www.pflegekinder-web.de nachzulesen. Dem vorliegenden 2. Band der Reihe sollen noch weitere Bände, unter anderem einer zu pädagogischen Fragen, folgen.

Bettina Bonus: Mit den Augen eines Kindes sehen lernen. Band 2. Die Anstrengungsverweigerung. Norderstedt 2008. Books On Demand GmbH. ISBN-13: 978-3-8370-1843-1. Preis 39,90 €.

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