Mit der Seele in die Autowerkstatt?

Von Ute Hallaschka, Juli 2016

Es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, dass wir uns alle für therapiebedürftig halten. Klammheimlich haben wir uns an die Idee von der allgemeinen Hospitalisierung des Seelenlebens gewöhnt.

Wer sich einfach für seelisch gesund hält oder gar dazu erklärt, der muss erst recht krank sein, in den Augen der anderen. Er verdrängt seine Problematik oder leidet an einer narzisstischen Störung. Als wäre die naive Annahme seelischer Gesundheit eine Provokation der Umgebung, eine Überheblichkeit, die sofort Rechtfertigungsdruck erzeugt. Wenn das stimmen soll, dann beweise es! Zeige dich: harmonisch, gelassen, positiv und vor allem: Überzeuge mich, dass du glücklicher bist als ich! Seelische Gesundheit wird gemessen am schlagenden Beweis ihrer Überlegenheit; am besten so, dass sie den anderen vital überwältigt, dass er blass wird vor Neid oder Bewunderung. Kann das wahr sein? Oder anders gefragt: Darf eine gesunde Seele schwach sein? Um auf diese Idee zu kommen, müsste man differenzieren. Ein Mensch, der ein lahmes Bein hat, kann doch ansonsten organisch ganz gesund sein. Und wenn die Seele Gliedmaßen hätte? Hier zeigt sich wieder einmal der Segen der Menschenkunde Rudolf Steiners ganz praktisch und konkret. Sobald wir beispielsweise eine Temperamentslage nicht allgemein psychologisch, sondern differenziert auffassen, können wir gesunden. Also ein Mensch, der grundsätzlich mürrisch melancholisch veranlagt ist, wird selbstverständlich eine Neigung zu schlechter Laune haben und muss doch nicht gleich geistesgestört sein, an Neurosen oder Psychosen leiden. Doch was sollen die anderen tun, wenn er nicht zur Therapie geschickt wird. Die haben dann ein Problem. Wie sollen sie mit diesem Zeitgenossen weiterleben, ohne sich selbst Verstärkung zu holen?

Wahnwitz des inneren Wachstums

Wo ist die nächste Positivitäts-Tankstelle, ein Ratgeber, eine Fortbildungsmaßnahme, irgendetwas zur verbesserten Energiebilanz im eigenen inneren Haushalt? Seele des Menschen – wie gleichst du inzwischen einer Unternehmensberatung und Schicksal – du trägst kapitalistische Züge. Ausbeutung aller möglichen Potenziale – koste es, was es wolle. Denn das ist die Kehrseite im inneren Hospital. Da sitzen wir selbstverständlich auch auf der Geschäftsführerebene oder im Aufsichtsrat und optimieren den Betrieb. Nach dem Motto: Es droht ein Burn-Out – tu etwas dagegen, sofort! Lerne, wie man nichts tut, erwerbe Muße-Technik, spare Kraft durch noch mehr Einsatz. Man kann sogar meditieren, um sich zu optimieren. Dem Wahnwitz des inneren Wachstums sind keine Grenzen gesetzt. Phantastische Aussichten. Sie erinnern an den bösen Stiefmutterblick aus Schneewittchen. So schauen wir auf uns, glotzen unablässig in den eigenen Seelenspiegel und sagen uns: Da draußen, hinter den sieben Bergen ist jemand viel schöner und besser und weiter entwickelt als du. Und wenn nun unsere arme Seele gerade daran krankte? Wenn alles in ihr, was weiß ist wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz – also die Reinheit ihrer jungfräulichen Natur – in Männern wie in Frauen – daran leiden würde? Die unschuldigen Gefühle, die keine Selbstbespiegelung kennen, in tiefer Ohnmacht in uns vorliegend. Wir haben den Apfel gegessen. Im Spiegelbild der Selbstbetrachtung die Unschuld der Wahrnehmungskraft verloren. Wie erwecken wir nun Schneewittchen aus dem Koma, ihrem todesähnlichen Schlaf? Wo bleibt der Prinz und sein erlösender Kuss? Da können wir lange warten, denn er war es gar nicht, der das Kind des Innern rettete. Er hat nur ihr Bild bewahrt. Von den sieben Zwergen erbeten – im gläsernen Sarg, in dem es schlummernd lag, unversehrt. Dieses Vorbild und Nachbild der schönen Seele wollte er mitnehmen nach Hause, ausdrücklich zur täglichen Betrachtung. Wer Schneewittchen tatsächlich erweckte und zurück ins Leben brachte, das waren die Diener des Prinzen. Sie schleppten den Sarg, stolperten, und darauf fuhr der vergiftete Brocken aus der Kehle und das Kind schlug die Augen auf.

Wenn wir nun die eigene Seele nicht länger für eine Autowerkstatt hielten und mit ständigen Reparatur-Updates traktierten, sondern uns fragten, was ihrer Unschuld wirklich dienlich ist? Mit neuem Blick wahrzunehmen, was keine Theorie – und sei sie noch so systemisch effektiv – uns beibringen kann. Was sich in der Vorstellung weder aufstellen, noch programmieren lässt, wofür es keinen schlagenden Beweis gibt – was aus dem Reich des mütterlichen Selbstbewusstseins der eigenen Seele gegenüber sich liebevoll dienlich verhält!

Die Schneewittchen-Therapie – eine Phantasie? Hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen – erfinden wir sie!

Ute Hallaschka ist freie Autorin.

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