Mit- und Füreinander

Von Johannes Wolter, Juli 2016

Die freie Kinder- und Jugendarbeit in Kassel.

Foto: © Bernhard Rüffert

In Kassel gibt es seit den 1980er Jahren eine sich stets wandelnde offenen Kinder- und Jugendarbeit. Jeweils für ein Jahr innerhalb der zweijährigen Seminarausbildungszeit übernehmen angehende Erzieherinnen und Erzieher die Führung von Kindergruppen in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern der Stadt Kassel.

Inhalte und die Atmosphäre der Spielgruppennachmittage sind darauf ausgerichtet, den Kindern einen Ausgleich und eine Ergänzung zur schulischen Arbeit und dem Leben zu Hause zu ermöglichen und ihre freie Zeit mit sinnerfüllten Anregungen und Aufgaben zu gestalten. Um Handlungs- und Bewegungshemmungen abzubauen, legen wir großen Wert auf künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten, durch die den Kindern die Erfahrung vermittelt wird, dass man etwas schrittweise erreichen kann, dass man Misserfolge nicht nur als Rückschläge erlebt, sondern als aufschlussreiche Lernschritte.

Durch die Gewöhnung an einen bestimmten Zeitablauf während des Nachmittags entsteht Sicherheit bei den Kindern. Zu den Aktivitäten gehören neben den handwerklich-künstlerischen Arbeiten viele Bewegungsspiele, Reigen und Tänze. Großer Wert wird auf eine gemeinsame Mahlzeit gelegt. Sie wird von den Kindern oft mit vorbereitet und in einer möglichst ruhigen Stimmung verzehrt. Die Nachmittage abschließen kann ein Puppenspiel oder das Erzählen von Geschichten, die altersspezifisch auf verschiedene Erzählstoffe zurückgreifen. Die Kinder hören Märchen, Sagen, Legenden, oder individuell entwickelte »sinnige Geschichten«. Die Fähigkeit, aus dem gehörten Wort eine befriedigende Vorstellung zu bilden, ist bei vielen Kindern nur schwach ausgebildet. Bei zugewandter Erzählweise, gerade auch im Puppenspiel, und guten »Stoffen« entsteht jedoch nach kurzer Zeit eine innige Erzählrunde. Nach einer Woche kann deutlich werden, in welchem Umfang und wie intensiv die Kinder diese Inhalte aufgenommen haben.

Über das Jahr ist ein Teil der Aktionen darauf ausgerichtet, bestimmte Dinge so zu üben – zum Beispiel Lieder, Tänze und Spiele –, dass ein Fest vorbereitet werden kann. Im Laufe der Jahre ist eine Tradition entstanden, die es erlaubt, auf vielfältige Erfahrungen in der Gestaltung und sozialen Wirksamkeit zurückzublicken – die Eltern sind immer eingeladen. Die Feste pflegen den multikulturellen und sozialintegrativen Charakter unserer Arbeit.

Ankunft in der Zukunft

Die Spielgruppenarbeit ist öffentlich. Die Kinder werden in Abstimmung mit Kasseler Grundschulen, Förderschulen, Horten und Tageseinrichtungen aufgenommen. Die Spielgruppenarbeit leistet einen Beitrag zur Stadtteil-Sozialarbeit, insofern sie ja in »sozialen Brennpunkten«, in Bürgerhäusern, im Asylheim oder in Schulen für Erziehungshilfe stattfindet. Zudem besteht ein guter Kontakt zum Jugendamt der Stadt Kassel, das unsere Arbeit unterstützt.

Die »Ankunft der Zukunft« mit ihrer Bevölkerungsveränderung durch die nach Europa gekommenen Flüchtlinge, brachte nie dagewesene Impulse in die sozialpädagogische Arbeit des Instituts: Im Zusammenhang mit dem Thementag »Asyl – ein Menschenrecht«, zu dem Vertreter des Regierungspräsidiums, Flüchtlinge, ein Integrationsbeauftragter des Landkreises Kassel und andere Teilnehmer geladen waren, entstand die Initiative, über die bestehende Arbeit in den Asylheimen hinaus in mehreren Erstaufnahmeeinrichtungen tätig zu werden: Zelte, Hallen mit bis zu 400 Menschen vieler Nationen. Eine Studentin berichtet: »Ich bin aufgewühlt, bewegt, erfüllt, erschöpft. Was für ein Tag, was für eine Woche. Ich habe das Bild vor Augen, wie wir die Unterkunft verlassen haben und an den Fenstern Bewohner standen aus Syrien, Eritrea, dem Iran, Irak … und zum Abschied winkten. Ein kleines syrisches Mädchen, das so still, zurückgezogen, verunsichert ist … kommt aber, sobald wir die Tür zu unserem Raum aufschließen und weicht nicht von unserer Seite – ein deutliches Zeichen!«

Die Auszubildenden machen völlig neue Erfahrungen des Miteinanders, der Wertschätzung, der Anerkennung, des Umgangs mit Erwartungen und des Vertrauens. Es gilt, Angst und Unsicherheit zu überwinden und im Moment zu leben, Grenzen zu überwinden und sich abzugrenzen. Einsichten, die tragend für den Beruf sein werden.

Dabei, aus diesen Impulsen Wege des Mit- und Füreinanders zu finden, begleiten wir wöchentlich bis zu 100 Kinder.

Zum Autor: Johannes Wolter ist Waldorf- und Heilpädagoge und begründete das Anthroposophische Zentrum Kassel und das Rudolf- Steiner-Institut in Kassel mit und ist dort seit 1984 tätig.

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