Mockingjay Finale

Von Ute Hallaschka, November 2015

Das Finale der Tribute von Panem zeigt wieder dieselbe unheimliche Synchronizität mit wirklichen Ereignissen, die diese Verfilmung von Anfang an begleitet.

Oscar Preisträgerin Jennifer Lawrence wurde ebenso über Nacht zum Star wie ihre Filmfigur Katniss, politische Aktivisten haben reale Aktionen im Zeichen des fiktiven Spotttölpels durchgeführt und nun das! Die Außenaufnahmen für den Kampf gegen das Terrorregime wurden nicht in den USA, sondern ausgerechnet in Paris und Berlin gedreht.

Das Finale ist nichts für schwache Nerven und gewiss nicht für Kinder geeignet – der Film ist freigegeben ab 12 Jahren. Der Hollywood Blockbuster kann seine Machart nicht verleugnen. Es sind buchstäblich bombastische Gewalt- und Schreckensbilder, die den Zuschauer überfluten. Dennoch gibt es gute Gründe diesen Film zu sehen. Einer ist das Spiel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Wieder gelingt es der Dramaturgie, eine literarische Technik zu installieren. Es ist der vitale Rhythmus der Spannung, die nie mechanisch wird, sondern immer pulsiert. Man hält die Luft an, man wird überrascht, man sieht es kommen – und dann kommt es doch ganz anders. So tritt Katharsis ein, wie im Theater. Die eigenen Vor- und Nachbilder erscheinen. Mitten in Kampf-, Lärm- und Explosionsszenen kommt man zu sich – zur eigenen Phantasie als Handlungsquelle. Gerade davon handelt Panem auf einer tieferen Ebene: von der Verführung durch Bilder und Automatismen.

Die zweite subtile Ebene ist dem Spiel der Hauptdarstellerin zu danken. Wieder agiert Jennifer Lawrence, das 25jährige Mädchen aus Kentucky mit einer solchen Reife der Schauspielkunst, dass es verblüffend ist. So ausbalanciert und feintariert, dass glaubwürdig wird, was ihre Figur im Innersten beseelt: Selbstlosigkeit, die einzige Kraft, die Macht wirklich überwindet. Im ersten Teil des Finales sah man Katniss unfreiwillig als Idealfigur der Rebellion instrumentalisiert. Diesen Part hat sie im abschließenden Teil als unvermeidliches Schicksal angenommen. Dennoch erhält sie einen inneren Widerstand der Selbstbestimmung aufrecht. Nach zweistündiger Filmmaterialschlacht und vielen Toten kommt sie mit ihrer kleinen Rebellentruppe im Machtzentrum an. Die letzte überraschende Wendung des Geschehens soll hier nicht verraten werden.

Dann folgt ein zweifacher Epilog. Katniss kehrt nach Hause zurück und darf am Ende wieder Mensch, d.h. schwach werden. Es ist eine grandiose Szene mit der Katze ihrer Schwester, die ihren Nervenzusammenbruch auslöst. Die letzte Epilogszene ist eine Idylle im Kornfeld – Jahre später – in der sich zeigt, für welchen der beiden Männer, die sie liebten, sie sich entschieden hat. Erst denkt man: das hätten sie sich sparen können! Der Vortrag, den sie dem Säugling in ihrem Schoß hält, handelt vom guten Willen. In ihrem Fall eine Liste der kleinen, unauffälligen guten Dinge, die täglich geschehen. Die sie innerlich in Rückschau wiederholt, sich zu versichern: mag es noch so klein sein, was sich zeigt, es gibt das Spiel des Guten.

Dann kommt man aus dem Kino und erfährt, dass die 3D Brillen nicht länger recycelt werden – zu teuer. Da ist er, der Wirtschaftshaushalt als Machtfaktor – Berge von Plastikmüll, nur weil es billig ist! Abgesehen davon, dass die doofen Brillen und die primitive Technologie sowieso auf den Eintrittspreis geschlagen werden. In größeren Städten gibt es immer ein Kino, in dem der Film ohne 3D gezeigt wird. Die anderen Kinos sollte man boykottieren. Man kann immer etwas tun – auch und gerade als Zuschauer. Das ist die Botschaft von Panem.

Die Tribute von Panem - Mockingjay Teil 2 | The Hunger Games: Mockingjay - Part 2, 2015. Laufzeit 137 Minuten, FSK 12

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