Mut zur Muße

Von Henning Köhler, September 2019

Zwischen Entscheidungsmut und Tatkraft besteht ein enger Zusammenhang.

Unter Tatkraft verstehe ich hier den eigenen Willen zur Tat. Der eigene Wille zur Tat setzt immer eine freimütig getroffene Entscheidung voraus. Die Erfahrung, nur Vorentschiedenes zu exekutieren, bietet vielleicht Sicherheit, aber sie lähmt. Wer ständig Tätig­keiten ausführen muss, zu denen er nicht ja sagen kann, die ihn gleichgültig lassen oder sogar anwidern, wird auf Dauer krank. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder.

In der Bejahung hingegen liegt eine große Kraft. Aus ihr speist sich der Wunsch, nicht nur zu erledigen, was zu erledigen ist, sondern dabei Sorgfalt walten zu lassen; und die Bereitschaft, das Begonnene auch dann weiterzuführen, wenn Unlustgefühle oder unerwartete Hindernisse den Schwung des Anfangs erlahmen lassen. Menschen, die nie (oder nur selten) erleben durften, wie es sich anfühlt, einen freien Herzens gefassten Entschluss treu durchzutragen, neigen zur Selbstentwertung. Sie leiden unter einer unbestimmten Versagensangst. Manche von ihnen erbringen auf Gebieten, wo alles nach festen, vorgeschriebenen Regeln abläuft, tadellose Leistungen – und werden trotzdem das Gefühl des Ungenügens nicht los. Jede offene Situation, die eigenständiges Entscheiden und Handeln erfordern würde, ja schon der Gedanke daran, versetzt sie in Panik. Das greift um sich. Nicht selten handelt es sich dabei um Nachwirkungen der Schulzeit.

Entscheidungen zu treffen muss kein rationaler Akt sein. Oft erweist sich die Ratio sogar als Hindernis. Ich kenne einige hoch intelligente, betont realistische Menschen, die vor lauter Realismus quälende Entscheidungsschwierig­keiten haben. Manchmal fällt eine Entscheidung erst dann, wenn man aufhört, sich über das Für und Wider den Kopf zu zerbrechen. Auch kleine Kinder treffen Entscheidungen. Unentwegt! Ein erstaunlicher Selbstentscheider sitzt in jedem Kind. Man muss ihn sehen und achten lernen. Vom ersten Tag an liebevoll mit diesem Selbstentscheider zu arbeiten, ist das Ei des Kolumbus der Pädagogik. Gute Pädagogen halten wenig von Erziehung. Sie schulen lieber ihre Aufmerksamkeit dafür, was die Kinder zuinnerst selbst wollen.

Drei Arten von Handlungen erlebt der Handelnde als unfrei: solche, zu denen er gezwungen wird; solche, die automatisch ablaufen wie ein ständig sich wiederholendes Programm; schließlich Affekthandlungen, ausgelöst durch einen Erregungszustand, der die Selbststeuerung außer Kraft setzt. Das alles gehört zum Leben. Aber inneres Wachstum vollzieht sich durch Taten und Werke, die als Ereignisse der Aufrichtung des Eigenwillens erlebt werden.

Deshalb brauchen Kinder viel Zeit und geschützte Räume zum (ungestörten) Spielen. Hier üben sie Entscheidungsmut. Und in der Pädagogik werden wir erst weiterkommen, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt: Jeder bejahte Lernschritt wiegt hundert Lernschritte auf, die sich ein Kind gegen innere Widerstände abringen muss. Man könnte ganze Schuljahre streichen (und durch etwas Sinnvolleres ersetzen), spräche sich das herum. Man könnte vielleicht sogar die Schule komplett streichen. Oder das Wort Schule, nun ja, beim Wort nehmen: Es kommt von lat. schola = Ruhe, Muße.

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