Mut zur persönlichen Initiative

Juli 2018

Fragen an Henning Kullak-Ublick.

Henning Kullak-Ublick. Foto: © Charlotte Fischer

Erziehungskunst | Das Hundertjährige wird groß gefeiert. Was ist das zentrale Anliegen dieses weltweiten Events?

Henning Kullak-Ublick | Die Waldorfpädagogik hat sich im Laufe von 100 Jahren von einer einzelnen Stadt in Süddeutschland um die ganze Welt verbreitet. Immer mehr Menschen sagen, nicht zuletzt wegen der Totalökonomisierung aller Lebensbereiche: Wir wollen unsere Kinder zu freien Menschen erziehen, sie sollen als ganze Menschen angesprochen werden. Ihre Hoffnung ist, dass ihr Kind an der Waldorfschule individuell werden kann, während es zugleich seine sozialen Fähigkeiten erweitert. Alle Waldorfschulen verbindet die Erfahrung und das Ideal, dass das Allgemein-Menschliche gerade in der Einzigartigkeit jedes einzelnen Kindes gefunden werden kann. Die Waldorfpädagogik ist von Anfang an darauf angelegt, eine durch alle Kulturen hindurch wirksame Pädagogik zu sein.

EK | Bund der Freien Waldorfschulen, Pädagogische Sektion und die Internationale Konferenz haben zur Vorbereitung alle Schulen aufgerufen, die »Allgemeine Menschenkunde« Rudolf Steiners zu arbeiten. Warum?

HKU | Die »Allgemeine Menschenkunde« ist ein Übungsweg, der uns Lehrern eine Fülle von Begriffen und Instrumenten liefert, mit deren Hilfe wir uns zuerst einmal für charakteristische Entwicklungsschritte sensibilisieren können, die jeder Mensch auf seine Weise durchmacht. Mit dieser vertieften Wahrnehmungsfähigkeit können wir uns dann auch der Frage nähern: Wie drückt sich das Allgemeine bei diesem Kind aus, und was ist die Signatur seiner unverwechselbaren Individualität? Es geht also überhaupt nicht darum, irgendein fertiges System vom Menschen zu postulieren und das dann irgendwie per »Copy&Paste« umzusetzen, sondern um das unbefangene Hinschauen, aus dem allein originäre pädagogische Ideen entstehen können.

Die Arbeit an der »Allgemeinen Menschenkunde« kann uns, auch in der Auseinandersetzung mit der modernen Entwicklungsforschung, helfen zu unterscheiden, welche unserer Traditionen es sich lohnt, weiterzuentwickeln und was nur noch Konventionen sind, die man getrost hinter sich lassen kann. Also kurz: Die »Allgemeine Menschenkunde« ist eine enorme Hilfe, pädagogische Phantasie zu entwickeln.

EK | Mit vorausschauendem Blick spricht Rudolf Steiner mit Bezug auf den 100-­Jahres-Rhythmus davon, wenn es uns 2019 nicht gelänge, einen ähnlich starken spirituellen Impuls aufzubringen, dann würde die Waldorfpädagogik immer mehr verwässern. Wie sieht das heute aus?

HKU | Wir haben in Deutschland ja lange mit der Vorstellung gelebt, Stuttgart sei das Welt-Zentrum der Waldorfpädagogik. Das hat sich aber völlig umgekehrt: Heute ist jede Schule auf der Welt ein Mittelpunkt und von allen Kontinenten fließen uns Jugendimpulse zu.

Wenn in einem Land neue Waldorfschulen entstehen, wird natürlich vieles erst einmal nachgeahmt, weil es sich anderswo schon bewährt hat, aber inzwischen wird überall, ganz intensiv, auch in den Zusammenkünften der Internationalen Konferenz, die Frage bewegt, wie die Waldorfpädagogik in anderen Kulturen für deren Bedürfnisse und natürlich übergreifend für die Bedürfnisse unserer Zeit weiterentwickelt werden kann. Da sind unglaublich engagierte und enthusiastische Menschen am Werk, genau wie hier in Deutschland. Der Geist weht eben, wo er will. Deshalb ist die Frage nach der Zukunft vor allem eine danach, ob wir uns für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, ganz besonders für das Leben in einer digitalisierten Welt, fit machen wollen.

Ein Problem für diese Willensbildung ist allerdings manchmal eine Schwachstelle unserer kollegialen Zusammenarbeit, wenn nämlich der Langsamste das Tempo bestimmt. Das kann vor allem für junge  Lehrer regelrecht lähmend wirken und hat mit unserem Anspruch, pädagogische Pioniere zu sein, gar nichts mehr zu tun. Deshalb will »Waldorf100« nach einer langen Phase der Konsolidierung von »Waldorf« als Marke vor allem eins: Lehrern Mut machen zur persönlichen Initiative, dafür, dass sie ihre guten Ideen in die Tat umsetzen, allein oder mit anderen zusammen.

Ich habe bei den jungen Kollegen, die heute an unsere Schulen kommen, das ganz starke Gefühl, dass sie sich sehr bewusst für diese Pädagogik entschieden haben und nicht bloß Ausführende sein, sondern echte Beziehungen zu den Kindern aufbauen wollen. Mit diesen jungen Menschen können wir sehr viel bewegen! Wir müssen ihnen aber vertrauen, sie beschützen und sie stärken. Dann werden unsere Schulen innerlich beweglich, unsere Konferenzen inspirierend und die Leute muten sich etwas zu. Denn Mutmachen basiert darauf, dass jeder Einzelne ein größtmögliches Maß an Freiheit hat, während die Schule eine Kultur der gegenseitigen Wahrnehmung und Spiegelung entwickelt, weil Freiheit mehr ist als Willkür oder Beliebigkeit. Auch dafür braucht es den immer neuen Blick auf den Menschen selbst, also auch deshalb die »Allgemeine Menschenkunde«.

EK | Was hat sich im Öffentlichkeitsverständnis des Bundes der Freien Waldorfschulen verändert, wenn man ein Jubiläum in einem solch großen Format wie »Waldorf100« aufzieht?

HKU | Als ich vor elf Jahren begann, mich mit diesem Thema zu befassen, wurde mir von Journalisten immer wieder gespiegelt, wir wären in der Kommunikation nicht viel besser als die Scientologen, würden uns komplett abschotten, missionieren und jegliche Kritik abwehren. Heute sind wir diskursfähig und transparent. Vor allem haben wir gemerkt: Erst wenn wir uns dafür interessieren, was andere machen, fangen die auch an, sich dafür zu interessieren, was wir tun.

Öffentlichkeitsarbeit bedeutet wahrzunehmen, welche gesellschaftlichen Fragen in der Luft liegen und wie man so lebendige Antworten darauf findet, dass sie die Menschen zum eigenen Urteil anregen, statt ihnen vorzuschreiben, was sie zu denken haben. »Waldorf 100« tritt jetzt mit dem Selbstbewusstsein auf: Wir sind die größte unabhängige Schulbewegung der Welt. Wir sind es unserer Zeit schuldig, dass wir unsere Stimme erheben und sichtbar machen, dass es eine weltweit funktionierende Zivilgesellschaft gibt, von der wir ein wirklich wichtiger Teil sind, weil wir seit hundert Jahren Erfahrung damit sammeln durften, wie eine Pädagogik aussehen kann, die sich darauf konzentriert, wie die jungen Menschen sich tief mit der Welt verbinden, wie sie ihren innersten Wesenskern zum Leitstern ihrer Biografie machen und wie sie dabei soziale Zusammengehörigkeit stiften können. Das gehört zum Wichtigsten, was unsere Zeit benötigt.

EK | Ist Waldorf also mitten in der Gesellschaft angekommen?

HKU | Ja. Wir sind in einer Position, von der jeder Marketingchef träumt: Jeder hat eine Meinung zu Waldorf – ob sie stimmt oder nicht –, jeder verbindet etwas mit dem Begriff. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass wir eine echte gesellschaft­liche Kraft geworden sind. Es liegt aber an uns, wie wir uns weiterentwickeln und ob das, was uns Lehrer zu diesem Beruf und die Eltern an ihre Waldorfschule geführt hat, wirklich in der Welt wirksam werden kann.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

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