Nesseln, Pickel und der Schein der Welt

Von Mathias Maurer, September 2014

»Aua«, Julian schreit wie am Spieß. Ich laufe zu ihm hin, versuche ihn zu trösten und frage, wo es weh tut. Er zeigt auf die Brennnesseln, nicht auf die vielen Pusteln auf seinen Armen und Beinen. Es brennt. Nach einer Weile grimmig: »Die sind böse!«

Kleine Kinder unterscheiden noch nicht zwischen Welt und seelischer Befindlichkeit. Die Welt ist beseelt, gut oder böse, und alles in ihr wird vom Kind unbewusst moralisch erlebt. Nachgeahmt werden Welt und Mensch, ob sie nun gut oder böse sind. Deshalb ist es entscheidend, dass kleinen Kindern das Gute vorgelebt wird.

»Sag’ mal, findest Du Lina schön?«, fragt mich Anna auf dem Nachhauseweg von der Schule. »Ja, ich finde sie schön«, gebe ich zur Antwort. »Aber Micha und Doro finden sie hässlich.« – »Ach so, und warum?« – »Weil sie so dick ist.« Ich erzähle Anna, dass jeder Mensch seine eigene Schönheit hat und dass es in den verschiedenen Kulturen und Epochen immer ganz unterschiedliche Schönheitsideale gab. »Ah, meinst Du, das ist Geschmacksache?« – »Ja und nein, aber wenn ich jemanden mag, ist er schön, egal wie er aussieht.«

Kinder in der Klassenlehrerzeit hantieren gerne mit Begriffen »schön« und »hässlich«, nicht nur, weil sie sich zunehmend in Schale werfen, chic machen und jeden Pickel unsichtbar machen wollen, sondern weil sie durch diese beiden Grundempfindungen hindurch zu Erkenntnissen über sich und die Welt durchstoßen. Ist die Welt schön, ist man bereit, sie anzunehmen und zu verstehen.

»Das ist doch eine glatte Lüge«, Sven schnellt empört von seinem Sitz hoch, »ich bin doch da!« und klatscht sich auf die Brust. Wir waren in ein philosophisches Gespräch über den Schein des Physischen vertieft: Aller Sinnesschein soll Maja sein? Alle Vorstellungen nur ein Spiegel der Wirklichkeit und nicht sie selbst? Jugendliche suchen die Wahrheit. Denn ohne sie würde die Welt alle Bedeutung verlieren, in der Beliebigkeit verschwinden. Doch wären wir im Besitz der einen Wahrheit, könnten wir nicht anders, als ihr bedingungslos folgen – und wären nicht mehr frei. Freiheit erleben wir nicht im Besitz der Wahrheit, sondern im Suchen nach ihr. Suche ich sie, will ich sie – dann stellt Wahrheit sich ein.

Das Gute, Schöne und Wahre bestimmen das pädagogische Handeln in den Waldorfschulen. Sie sind Ausdrucksformen anthropologischer Urbedürfnisse, die existenzielle Orientierung in einer von Erziehungsunsicherheiten geprägten Kultur und einer von Inhumanität bedrohten Welt geben.

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