Neue Mythen

Von Johannes Greiner, Juni 2011

Wir leben in einer Zeit, in der Bilder von Tag zu Tag mehr Bedeutung bekommen. Immer mehr läuft über Bilder, was früher über Erklärungen und Worte lief.

Eine Bilderwelt, die in den letzten Jahren gewaltig angewachsen ist, ist die der phantastischen Literatur. Die heutige Jugend kennt vielleicht keine Märchen mehr, aber was ein Hobbit ist, oder ein Muggel, oder in was für einem Verhältnis Vampire zu Werwölfen stehen, das weiß heute nahezu jeder.

In dieser Bilderwelt, die die Buchmärkte, die Kinos und die Computerspielwelt erobert haben, gilt es, sich zurechtzufinden. Welche Elemente dieser Welt kann man als neue Mythologie, als geistige Wahrbilder, als Musterimaginationen geistiger Realitäten preisen, und was ist Schund, Illusion, Weltflucht und Verführung? Diesen Fragen geht Kollert in seinem Buch nach. Im Anhang hat der Autor sieben selbst erdichtete Legenden beigefügt. Nachdem man ihm über hundert Seiten gefolgt ist bei seiner Beurteilung und Beleuchtung der Geschichte und der Phänomene des Phantastischen, ist man gespannt, wie er denn selber schreibt in diesem Genre. Man wird nicht enttäuscht.

Die Legenden sind sehr schön und tief. Er vermag mit wenigen Worten reiche, geheimnisvolle Welten zu bauen, an denen man voll Spannung teilnimmt. Heinz Zimmermann nennt diese sieben Legenden im Vorwort »echte Juwelen«.

Als ich an die Stelle kam, wo Kollert sich abwertend über Michael Endes »Unendliche Geschichte« äußert, war meine spontane Reaktion, doch keine Besprechung zu schreiben. Ich wollte nicht ein Buch besprechen, das schlecht über etwas spricht, was mir heilig ist. Ich überwand mich, denn Kollert begründet ja, warum er die Bilder und Schilderungen entsprechend bewertet. Interessant sind die Gesichtspunkte Kollerts auf jeden Fall – auch wenn man anderer Ansicht ist. Und dass man sich im dauernd wachsenden Dschungel der Fantasy-Literatur Gesichtspunkte für eine Beurteilung erarbeitet, ist dringend notwendig. Nach Lorenzo Ravaglis »Schlüssel zu Harry Potter« ist Kollert einer der wenigen Pioniere der Betrachtung phantastischer Literatur aus anthroposophischer Sicht.

Da kann ihm verziehen werden, wenn er vielleicht allzu viele Bäume fällt und Äste absägt, um Klarheit zu gewinnen. 

Günter Kollert: Phantasie Phantastik Fantasy – Erzählte Welten zwischen Romantik und neuem Mythos, 175 S., brosch., EUR 17,–. Verlag am Goetheanum, Dornach 2010

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