Neue Perspektiven - Wie verändert das bedingungslose Grundeinkommen die deutsche Erziehungslandschaft?

Von Angelika S. Dietz, Januar 2010

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens geistert seit einigen Jahren durch die politischen Debatten. Ganz unterschiedliche Leute halten es für eine gute Idee: Thomas Straubhaar, der Direktor des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI ebenso wie Götz Werner, der Chef der Drogeriemarktkette dm. Das bedingungslose Grundeinkommen würde jedem Bürger an Stelle aller bisherigen Sozialleistungen zustehen – ganz gleich, ob bedürftig oder nicht. Dieses Grundeinkommen – so die Autorin, die am Hardenberg-Institut eine Studie dazu verfasst hat – fördert die Würde des arbeitenden Menschen, indem es dessen Selbstbestimmung unterstützt. Es fordert und fördert zugleich die Fähigkeit, sich den Sinn seines Lebens und Arbeitens selbst zu geben.

In der Bildungslandschaft der Gegenwart geben Formalisierung und Kontrolle zunehmend den Ton an (PISA, G-8, Bologna usw.). Bei verantwortlichen Pädagogen wächst deshalb die Sorge, dass mit dem Humboldtschen Bildungsideal auch die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden verloren geht. Studieren bedeutet immer mehr, Antworten einzupauken, denen keine individuelle Fragestellung zu Grunde liegt. Durch das bedingungslose Grundeinkommen wird der Einzelne, ob Schüler, Lehrer oder Universitätsdozent, in die Lage versetzt, sich trotz der gegenläufigen Bildungspolitik selbst Rahmenbedingungen für ein sinnvolles Lernen und Studieren zu schaffen.

Das Grundeinkommen hilft Familien bei der Kindererziehung

Ein Kind bedarf von Geburt an einer Umgebung, die Zeit und Anregung für sein Lernen bereitstellt. Das bedinungslose Grundeinkommen stärkt die Familie. Jüngsten Studien zufolge hängt der Schulerfolg eines Kindes weitgehend vom Elternhaus ab. In der frühen Kindheit erhält das Kind die entscheidenden Anregungen für sein ganzes Leben. – Das Grundeinkommen gibt den Eltern Entscheidungsfreiheit. Sie müssen nicht aus finanziellen Gründen ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen geben. Mütter und Väter müssen sich nicht immer in Berufsarbeit verwirklichen, sie können es auch in freier pädagogischer Tätigkeit. Der Umgang mit kleinen Kindern gilt schon heute als zukunftsträchtige Arbeit. Warum sollen die Eltern sie nicht selbst leisten können? – Die entsprechenden Fähigkeiten zu wecken, würde dann verstärkt zur Bildungsfrage.

Das Grundeinkommen hilft, Burnout zu vermeiden

Die nervliche Belastung der Lehrer ist zu einem wachsenden Problem geworden – große Klassen, erdrückend stringente Lehrpläne, unwillige Schüler, mangelnde Unterstützung durch die vorgesetzten Behörden, ein kreativitätstötender Verwaltungsapparat und nicht zuletzt das schlechte Ansehen des Lehrerberufes in der Gesellschaft. Jeder zweite Lehrer fühlt sich durch den Stress in seinem Beruf im Übermaß belastet. Jeder dritte zeigt Anzeichen von Selbstüberforderung und Resignation, läuft Gefahr auszubrennen und dauerhaft krank zu werden. 35 Prozent der Lehrer leiden bereits an »Burnout« und weitere 30 Prozent befinden sich im Frühstadium.Das gilt gerade für Lehrerpersönlichkeiten mit hoher Leistungsbereitschaft und hohen Anforderungen an sich selbst. Die gesellschaftlich bedingte Ausbreitung des Burnout-Syndroms im Lehrerberuf ist dringend und grundlegend anzugehen.

Der Einzelne kann sich selbst helfen, wenn er mit Hilfe des Grundeinkommens dem wachsenden Druck entkommt. 50 Prozent der Befragten gaben an, sich für den Beruf des Lehrers entschieden zu haben, weil sie sich verbeamten lassen können und damit imAlter abgesichert sind. Jeder vierte befragte Lehrer wollte ursprünglich nicht Lehrer werden und sah seinen Beruf nur als Notlösung an. Wie können unsere Kinder zu zukunftsfrohen Menschen erzogen werden, wenn eine große Zahl der verantwortlichen Pädagogen in einer resignativen Haltung verharrt? Oftmals wären nach einigen Berufsjahren eine anders gerichtete Tätigkeit oder ein Sabbatjahr hilfreich. All dies wäre in Folge eines Grundeinkommens sehr viel leichter zu bewerkstelligen.

Das Grundeinkommen fördert die freie Schulwahl

Mit einem Grundeinkommen wird kein Schüler oder Student mehr daran gehindert, eine Schule oder Hochschule seiner Wahl zu besuchen, während heute noch vielen der Zugang zu einer besonders qualifizierten Privatschule oder einer privaten Hochschule verschlossen bleibt. Dies wiederum würde die Qualität der Hochschulen und Schulen insgesamt steigern, da sie in eine stärkere Konkurrenz zueinander träten. Mit Hilfe eines (schon vielfach vorgeschlagenen) Systems von Bildungsgutscheinen würde zusätzlich die Autonomie der Bildungseinrichtungen gefördert.

Das Grundeinkommen ermöglicht eine Veränderung der Gesellschaft von unten

Das bedingungslose Grundeinkommen fordert den Einzelnen stärker heraus, die Gestaltung seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Ziel der Ausbildung wird nicht mehr die Anpassung an herrschende Verhältnisse sein, sondern die Fähigkeit, den Sinn des individuellen Lebens und Arbeitens selbst zu finden. Dass dies unter den herrschenden pädagogischen Verhältnissen so schlecht gelingt, gilt mit als Ursache dafür, dass die Depression seit vielen Jahren zur Volkskrankheit geworden ist und die Gewaltbereitschaft zunimmt. Wenn der Zwang zur Arbeit aufhört, ist die Herausforderung für die Bildung umso größer. Erziehung und Lernen müssen dann weit mehr als bisher zur Selbstorientierung und Selbstentwicklung befähigen.Das heißt aber: Die Bildungsziele verändern sich unter dem Einfluss eines Grundeinkommens grundlegend – hin zu Eigenständigkeit statt Anpassung, Sinnfindung statt Tradition, Handeln aus Initiative statt auf Anweisung, Ernst-Nehmen des anderen Menschen statt Instrumentalisierung. Auch die Zusammenarbeit derer, die eine Schule oder Hochschule verantwortlich betreiben, verändert sich unter diesem Vorzeichen. Regelungen von »oben«, Ämter oder Hierarchien braucht man nicht mehr eigens abzuschaffen – sie erledigen sich vermutlich von selbst und werden durch andere Kooperationsformen ersetzt. Das bedingungslose Grundeinkommen setzt eine gesellschaftliche Entwicklung in Gang, indem es neue Herausforderungen für den Einzelnen schafft und zugleich dessen soziale Fähigkeiten wachruft.

Die Studie mit Literaturangaben können Sie hier herunterladen.

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