Nicht nur ein Event

Von Werner Neudorfer, September 2019

Leserbrief zu »Die Sache mit den Fridays for Future« von Nicolas Blaue, in Erziehungskunst 6/2019.

Bitte befolgen Sie nicht Nicolas Blaues Rat und pflanzen Bäume in den Kanzleramts­garten. Die meisten Pflanzaktionen gingen daneben. Die Bäume wurden zwar mit viel Klimarettungsenthusiasmus und mit Beteiligung der Presse gepflanzt, aber nicht mit der nötigen Sachkenntnis und Sorgfalt. 90 Prozent vertrockneten deshalb nach kurzer Zeit. Den meisten »Klimarettern« ist nicht bewusst, dass ein Baum in den ersten Jahren gute Pflege braucht, um zu überleben. Unsere Schule macht im Rahmen von Landschaftspflegepraktika viele Pflanzungen (in den letzten Jahren Tausende von Bäumen und Zigtausende von Sträuchern), die fachmännisch ausgeführt und über Jahre betreut und gepflegt werden und deshalb eine Anwachsrate von über 90 Prozent erreichen. Wenn Sie also diesbezüglich einen Impuls haben und sicher gehen wollen, dürfen sie uns gerne unterstützen: Rudolf Steiner Schule Nürnberg – Ökokonto.

Auch das Elektroauto (siehe Nicolas Blaues Hinweis in Klammer) rettet nicht die Erde. Elektroautos haben insgesamt eine schlechtere Ökobilanz als Autos mit Verbrennungsmotoren. Sie helfen nicht dem Weltklima, sondern dem Stadtklima auf Kosten des Weltklimas. Und sie helfen unserem Gewissen – sofern man sich so ein Fahrzeug leisten kann – und dem Gewissen unserer Politiker.

Auch das mit dem Demonstrieren in der schulfreien Zeit erlebe ich anders als Nicolas. Bei der Demonstration am schulfreien Nachmittag hatten wir in Nürnberg nicht halb so viele Demonstranten (wie Nicolas vermutet), sondern doppelt so viele. Und sie kamen auch nicht mit dem Auto (wie er von seinen Mitschülern berichtet), sondern zu Fuß und mit dem Rad. Und es war ihnen nicht nur ein Event (wie er vermutet), sondern es war ihnen ein ernstes Anliegen. Zumindest meinen Oberstufenschülern. Bei meinen Siebtklässlern bin ich mir da nicht so sicher. Für die war es schon eine Gaudi, wo man dabei sein wollte. Natürlich sah man bei der Demo neben vielen engagierten Menschen (Schüler, Eltern, Großeltern) auch einige, die es mit dem Klimaschutz nicht so genau nehmen (soweit ich ihren Lebensstil kenne). Ob dies alles unmündige Bürger sind (wie Nicolas vermutet)? Das kann und möchte ich nicht beurteilen.

Aber ich kann soviel sagen: Die Waldorfpädagogik macht nicht automatisch aus jedem Schüler einen mündigen freien Bürger, sondern sie hat die Aufgabe, jedem Schüler den richtigen Rahmen zu geben und die richtigen Inhalte im richtigen Alter, dass sich aus diesem Schüler ein freier selbstbestimmter Mensch entwickeln kann. Dazu müssen aber auch die Erziehungsberechtigten und er selbst seinen Beitrag leisten. Und der Staat hätte die Aufgabe, die politischen Strukturen so zu gestalten, dass der mündige freie Bürger in der Klimafrage mitbestimmen darf und kann und die Wirtschaftsstrukturen so, dass die klimaschädlichen Produkte und Dienstleistungen dem Bürger nicht automatisch billiger angeboten werden (wie es im Moment der Fall ist). Dies einzufordern ist sicher ein Motiv der Demonstrationen.

Zum Autor: Werner Neudorfer ist Gartenbaulehrer an der Rudolf Steiner Schule Nürnberg

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