Nur nackt wäre ethisch. Was bei unserer Kleidung alles im Argen liegt

Von Klaus Rohrbach, Oktober 2018

Jeder Mensch hat körperliche, seelische und geistige Grundbedürfnisse. Zu den körperlichen gehört die Kleidung – sie soll wärmen, schützen und als seelische Zugabe ästhetisch gestaltet sein. Wir empfinden sie auch als Ausdruck unserer Individualität. Allerdings ist vieles an ihrer Herstellung nach wie vor ethisch, sozial und ökologisch fragwürdig.

Die Schiffswracks am austrocknenden Aralsee sind stumme Zeugen einer der größten Umweltkatastrophen der Welt. Foto: wikicommons, Zhanat Kulenov.

Der durchschnittliche Europäer verbraucht pro Jahr etwa 20 Kilogramm Textilien, der Amerikaner sogar 35 Kilogramm. Nach dem Ernährungsgewerbe ist die Textil- und Bekleidungsindustrie die zweitgrößte Konsumgüterbranche in Deutschland. Die verarbeiteten Stoffe stammen aus China, Indien, Südkorea, Taiwan und Bangladesch. Allerdings werden nur etwa fünf Prozent der Kleidung tatsächlich in Deutschland hergestellt, der Rest in sogenannten Niedriglohnländern.

Was ist uns billige Baumwolle wert?

Baumwolle wird bevorzugt in trockenen Gebieten angebaut, weil Regen die Pflanzen leicht verfaulen lässt. Das Problem ist hier die Bewässerung. Mindestens 2000 Liter Wasser sind allein für die Herstellung eines einzelnen Baumwoll-Shirts notwendig. Usbekistan ist einer der größten Baumwolllieferanten der Erde. Um dies zu erreichen, nahm das Land eine der größten Umweltkatastrophen der Welt in Kauf: die fast vollständige Verlandung und Vergiftung des Aral-Sees. Schon zu Stalins Zeiten wurde den kasachischen und usbekischen Zuflüssen des damals viertgrößten Binnensees der Erde Wasser für die künstliche Bewässerung der Baumwollfelder entnommen. Ab den 1960er Jahren sank der Wasserspiegel dramatisch; nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Wassermenge blieben zuletzt übrig. Der See zerfiel in zwei Restteile; den nördlichen will man noch retten, der südliche verlandet dafür umso schneller. Der stark gestiegene Salzgehalt, zusätzlich belastet von Pestiziden und Giften wie dem Entlaubungsmittel Agent Orange, vernichtete den einst vielgerühmten Artenreichtum des »orientalischen Wunders«, wie der Aralsee im 19. Jahrhundert noch genannt wurde; der einst ertragreiche Fischfang kam ganz zum Erliegen. Früher wohlhabende Hafenstädte liegen heute viele Kilometer vom Ufer entfernt. Sie wirken wie ausgestorben. Wo seinerzeit reger Schiffsverkehr herrschte, stehen heute Schiffswracks in einer Wüste aus Sand und Salz. Viele Menschen sind an Tuberkulose, Krebs oder Immunschwächen erkrankt, die Säuglingssterblichkeit ist höher als im übrigen Zentralasien.

Zwangsarbeit für den Export

Der Baumwollernte wird in Usbekistan alles untergeordnet. Um dafür genügend Erntehelfer zu haben, werden vom 10. September bis Mitte November Hunderttausende Lehrer, Ärzte, Krankenpfleger und Postboten, einfach jeder, der im Staatsdienst tätig ist, aber auch Schüler, Studenten und sogar Rentner zur Zwangsarbeit verpflichtet. Früher waren das auch etwa zwei Millionen Kinder ab neun Jahren, doch seit 2013 hat man – nach entsprechenden Protesten – keine Kinderarbeit mehr beobachtet. Die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden täglich in sengender Hitze; die Verpflegung und den Transport zu den Feldern müssen die Pflücker selbst bezahlen. Die zu leistende Quote ist hoch: Schüler und Studenten müssen beispielsweise täglich 50 Kilogramm, in einigen Regionen sogar 80 Kilogramm Baumwolle pflücken. Pro Kilogramm bekommen sie umgerechnet 4 Cent, doch allein 25 Kilogramm müssen sie für das dürftige Mittag­essen abtreten. Und wer die Quote nicht erfüllt, muss die restlichen Kilos kaufen. Während der Ernte fehlen die Menschen in ihren eigentlichen Berufen. Die 21-jährige Umida Kulieva brachte ihr erstes Kind, ein kleines Mädchen, tot zur Welt; es war während der Geburt erstickt. Zwei Tage lang hatte die junge Frau mit schmerzhaften Wehen im Krankenhaus gelegen. Doch medizinische Hilfe gab es nicht, denn die zuständigen Ärzte und Hebammen mussten Baumwolle pflücken …

Auf den Feldern kommen die Pflücker mit giftigen Düngemitteln in Kontakt, die Unterkünfte sind eng, feucht und verdreckt. Viele Usbeken kommen krank von ihrem Sommereinsatz zurück. »Aber das hier ist Baumwolle, unser Brot, unser Geld«, sagt ein Arbeitskundelehrer und lächelt.

Die gesamte Baumwollernte wird zuletzt vom Staat zu einem willkürlich festgesetzten Preis aufgekauft. Rund 3,5 Millionen Tonnen Rohbaumwolle und eine Million Tonnen Baumwollfasern sind das jährlich. Bis zu 800.000 Tonnen des »weißen Goldes« werden dann exportiert. Die wichtigsten Abnehmer sind Russland, China, Korea, Indien und Bangladesch. In diesen Ländern betreiben zahlreiche europäische und US-amerikanische Textilfirmen ihre Nähereien.

Als Informationen über die Zwangsarbeit und die verheerende Umweltverschmutzung an die Öffentlichkeit drangen, gab es einen offiziellen Boykott einiger Großhändler wie H&M, Adidas und C&A. Doch praktische Konsequenzen haben sich daraus bislang kaum ergeben; zu komplex sind die Handelswege und Wertschöpfungsketten in der Textilindustrie.

Weckruf Bangladesch

Bangladesch ist weltweit der zweitgrößte Exporteur von Textilien. 3,5 Millionen Menschen, meist Frauen, arbeiten in den Fabriken. Als die beiden Näherinnen Rosina und ihre Schwester am 24. April 2013 kurz vor halb neun Uhr die Textilfabrik im Rana Plaza betraten, einem achtgeschossigen Gebäude in Savar nahe der Hauptstadt Dhaka, sahen sie schon die Risse in den Wänden. Dann stürzte alles ein. Es war als Geschäftshaus gebaut und genehmigt worden, nicht geeignet für die schweren Maschinen der Fabriken, die sich eingemietet hatten. Die Verantwortlichen wussten davon. Rosina überlebte nach langer Bewusstlosigkeit, musste sich aber in höchster Not den unter Trümmern begrabenen Arm absägen, ehe sie von Helfern herausgezogen werden konnte. Insgesamt 1129 Tote, 1524 Verletzte und 322 Vermisste waren zu beklagen. Die Katastrophe löste weltweit Entsetzen aus. Bald wurde deutlich, dass Rana Plaza nicht die einzige Fabrik mit völlig unzureichenden Sicherheitsstandards war und dass über zwei Dutzend amerikanische Firmen wie Walmart und Gap, europäische und auch deutsche wie New Yorker, Lidl, Kik, Primark (irisch), Benetton (italienisch), Adler, H&M (schwedisch) oder C&A in Bangladesch produzieren lassen.

Die Frauen nähen bis zu zwölf Stunden täglich, bei Neonlicht, schlechter Luft und dem Mindestlohn von umgerechnet 30 Euro pro Monat, der nach gewaltsamen Protesten auf 53 Euro angehoben wurde. Doch davon kann man in Dhaka nicht leben. Deshalb müssen auch viele Kinder in den Fabriken schuften, um das Überleben der Familie zu sichern. Die betroffenen Firmen erklärten sich erst nach einem Jahr dazu bereit, in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen. Der öffentliche Druck hat jedoch noch mehr bewirkt. Die Sicherheitsstandards wurden erhöht. Es gibt immer mehr Kontrollen. Allerdings ist der Feuerschutz weiterhin äußerst unzureichend. Gravierende Baumängel müssten beseitigt werden. Aber diese Investitionen sind auch für gutwillige Produzenten schwer zu finanzieren, denn die Modeketten in Amerika und Europa liefern ihnen einen knallharten Preiskampf. Dabei geht es um nur fünf Cent pro T-Shirt mehr. Und der Treck zieht weiter.

Modekonzerne wie H&M haben vor einigen Jahren einen noch billigeren Standort entdeckt: Äthiopien. Hier arbeiten die Näherinnen für umgerechnet 32 Euro im Monat, acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, im Schichtdienst, ohne Urlaubstage. Viele Frauen wohnen zu mehreren in einem Zimmer. Wenn das Geld wie so oft nicht reicht, müssen sie sich etwas leihen. Und doch klagen sie nicht, denn hier sei es besser als dort, wo sie herkommen: aus einem Dorf nämlich, wo sie mit zwölf Jahren verheiratet werden, keine Freiheit haben, gar kein Geld verdienen …

Altkleidersammlung – ein gutes Werk?

Eigentlich sind das Kleid, das T-Shirt oder die Hose noch gut, weil wenig getragen. Also gibt man es als Spende in die Altkleidersammlung und tut damit sogar noch ein gutes Werk.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Mit den Altkleidersammlungen bedienen wir eine global arbeitende »Full-profit«-Branche, die gespendete Ware in so großen Mengen verkauft, dass die einheimische Textilindustrie in vielen Entwicklungsländern, besonders in Afrika, inzwischen eingegangen ist, vor allem die Klein- und Mittelbetriebe.

Über 250.000 Tonnen Altkleider werden jährlich in Deutschland gewerblich und über Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz oder den Maltesern gesammelt. Diese bekommen etwa fünf Cent pro Kilo. Dort beginnt der Weg zum Profit. In Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) steht die größte Textilsortieranlage der Welt. Im Minutentakt liefern Lastwagen bis 300 Tonnen Kleider pro Tag. Vollcomputerisiert wird die Ware nach Qualität gebündelt. Nur 15 Prozent werden als unbrauchbar anderweitig recycelt. Die besten Stücke gehen in ehemalige Ostblockländer und arabische Staaten, und zwar in Second-Hand-Läden. Das Minderwertige, etwa 60 Prozent, gelangt – teils auf nicht legalen Wegen – nach Afrika und wird dort verkauft, nicht gespendet, wie die Mehrzahl der deutschen Bürger glaubt! Tausende Händler bieten überall, in den größeren Städten Kenias zum Beispiel auf kilometerlangen Basaren, die Millionen Kleidungsstücke an. Ein Hemd kostet umgerechnet ein Euro, eine Armani-Jeans gibt es für zwei Euro. »Mitumba« wird die Ware genannt. Besonders begehrt ist die gute deutsche. Viele arbeitslos gewordene Näherinnen der inzwischen geschlossenen einheimischen Kleinbetriebe sitzen am Straßenrand mit ihrer Nähmaschine und verkleinern die gekauften XXL-Größen aus Europa – ein kleiner Neben­verdienst, immerhin.

Und wie könnte ein ethisch bewusstes Verhalten aussehen? Die Antwort eines Sachverständigen klingt zynisch: »Zerschneiden Sie Ihre Kleiderspende; dann wird sie sinnvoll zu Papier recycelt!«

Nachhaltige Kleidung oder nur »grün-gewaschen«?

Mittlerweile hat sich mancher Blickwinkel geändert. Viele Kunden sind wacher geworden und fragen nicht nur nach dem Preis und der Qualität, sondern auch nach den Arbeitsverhältnissen und den Umweltbelastungen in den Erzeugerländern. Und Kritik hilft. So verpflichteten sich H&M sowie Levi Strauss dazu, die sogenannte Sandstrahlmethode, die neue Jeans abgetragen aussehen lässt, nicht mehr anzuwenden, da der eingeatmete Quarzstaub für die Arbeiter gesundheitsschädlich ist. Zwar kauft die breite Masse weiterhin möglichst billig, doch die Gegenbewegung mit einem Bewusstsein für nachhaltig, biologisch und fair hergestellte Textilien wächst und auch Modestrecken zu Green Fashion sind in Frauenzeitschriften inzwischen ganz normal geworden.

Einer der Pioniere war bekanntlich Heinz Hess. Mit seiner Frau Dorothea gründete er 1976 den »Versand naturgemäßer Waren«, das spätere Hess Natur, mit einem biologisch zertifizierten Sortiment aus fairem Handel. Das Unternehmen ist mit 150 weiteren Mitglied im Bündnis für nachhaltige Textilien, das im Oktober 2014 vom deutschen Bundesentwicklungsminister Gerd Müller als Reaktion auf den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch gegründet wurde. Ziel ist es, die ökologischen und sozialen Produktionsverhältnisse insbesondere in den Entwicklungsländern zu verbessern. Große Modeketten haben – dem Druck des Marktes folgend – dazu Siegel entwickelt, bisher weit über 20 verschiedene. Doch betrifft das oft nur kleine Segmente der Gesamtproduktion, die Standards sind auch nicht einheitlich geregelt. Grundsätzlich ist Vorsicht angezeigt! Es gibt nämlich viele Firmen, die scheinbar »grüne« Produkte bewerben und damit für ein gutes Gewissen beim Kunden sorgen, doch sie betreiben dabei nur sogenanntes »Greenwashing«; denn in Wirklichkeit sind ihre Produkte nicht umweltfreundlich und die Herstellung geschieht weiterhin unter gesundheitsschädlichen und ausbeuterischen Bedingungen. Seit einigen Jahren versucht deshalb der deutsche Entwicklungsminister, ein Siegel einzuführen, den »grünen Knopf«, mit dem signalisiert werden soll, dass das Kleidungsstück fair und nachhaltig produziert wurde. Die Kritiker verweisen jedoch darauf, dass nur bei kleinen Produktionsmengen eine lückenlose Kontrolle »vom Baumwollfeld bis zum Bügel« möglich sei, nicht bei den Massenprodukten im globalen Wettbewerb. So durchlaufe beispielsweise ein einfaches Hemd bis zu 140 verschiedene Stationen in einer komplexen Wertschöpfungskette. Mit dem Textilbündnis ist vielleicht ein erster Schritt getan – doch auf einem wohl noch langen Weg.

Durch eigenes Tun zum bewussten Konsumenten

Die beschriebenen Aspekte machen in besonderer Weise deutlich, welch wichtige Aufgabe der an den Waldorfschulen gegebene Handarbeitsunterricht hat. Schon ab der dritten Klasse werden von den Kindern Kleidungsstücke hergestellt. Als Höhepunkt nähen die Jugendlichen dann in der neunten Klasse mit der Nähmaschine ein selbst entworfenes, passgenau für ihren Körper geschnittenes Textil. Durch eigenes Tun und Erleben entstehen so Impulse für die individuelle Entwicklung.

Und durch ergänzende Unterrichtsinhalte, eventuell fächerübergreifend in Geschichte, Wirtschaftsgeographie, Sozialkunde u.a., kann ein erweitertes Bewusstsein für die komplexen globalen Zusammenhänge der Textilwirtschaft entstehen – und als Konsument vielleicht ein verantwortlich handelnder Weltbürger.

Zum Autor: Klaus Rohrbach war 38 Jahre lang Oberstufenlehrer an einer Waldorfschule mit den Fächern Deutsch, Geographie und Ethik; jetzt noch weiterhin in der Lehrerbildung tätig; verschiedene Veröffentlichungen.

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