Occupy Bohlen

Von Henning Köhler, Juni 2013

Es ist still geworden um die deutsche Occupy-Bewegung. Zum Teil liegt das an der mangelnden medialen Aufmerksamkeit. Ein Häufchen junger Idealisten, denen nichts Geringeres vorschwebt, als die Welt zu verändern, darf kein anhaltendes, gesteigertes öffentliches Interesse erwarten.

Stattdessen führen uns Prominente in Talkshows die Kunst des hochgestochenen Herumredens um den heißen Brei vor – Tag für Tag und garantiert ergebnislos. Occupy, so war bei solchen (und anderen) Gelegenheiten immer wieder zu hören, bleibe Konzepte schuldig. Richtig muss es heißen: Fertige Konzepte. Die staatstragenden Experten haben nicht mal unfertige vorzuweisen. Sie streiten um den Verputz, während das Mauerwerk einstürzt. Der jovial-herablassende, Verständnis heuchelnde Tonfall, in dem sich diese Herrschaften über junge Protestierende auszulassen pflegen, ist haarsträubend.

Die Ignoranz des Establishments erklärt aber nicht alles. Occupy steckt in einer Orientierungskrise. Darüber diskutierten vier »AktivistInnen der ersten Stunde« – Carla, Ralph, Steven und Jule – in der Zeitschrift graswurzel revolution (April 2013) mit dem Redakteur Nicolai Hagedorn. Was mich an dem Gespräch vor allem beschäftigt, sind die Antworten auf Hagedorns Frage nach Zukunftsperspektiven. Carla: »Die Zukunft ist düster. Wir werden vermehrte wirtschaftlich motivierte Kriegseinsätze und einen Zuwachs an sozialem Elend erleben.« Steven: »Es wird ein Schrecken ohne Ende.« Jule bestätigt Carla. Und Ralph: »Man steckt in diesem System, und es scheint keine naheliegenden Alternativen zu geben, die man ergreifen kann.« Alle vier betonen aber, dass sie weiterhin versuchen wollen, »die Grundidee (einer solidarischen Gesellschaft, H.K.) graswurzelhaft zu verbreiten« (Ralph). Allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, wie man sieht.

So sprechen junge Akademiker – eine Psychologin, ein Philosoph, ein Pädagoge und eine Studentin –, die trotz Schule und Studium gelernt haben, kritisch zu denken. Sie machen sich über den Ernst der Weltlage keine Illusionen; sie engagieren sich sozial und gehen dabei auch Risiken ein – statt nur an ihre persönliche Karriere zu denken. Dass es, auf’s Ganze gesehen, nicht weit her ist mit dem Glauben der nachwachsenden Generation, durch politische Einmischung etwas bewirken zu können, wissen wir. Wenn sich aber nun die resignative Grundstimmung sogar unter den Aufgewecktesten und Mutigsten breit macht, schrillen bei mir alle Alarmglocken.

Es gebe nur einige kleine Zeitschriften und Radiostationen, die Occupy unterstützen, klagt Ralph. Und Carla ergänzt: »Natürlich hat man die Mainstreammedien gegen sich.«

Was folgt daraus? Gebt ihnen eine Fernsehsendung! Schmeißt dafür Deutschland sucht den Superstar oder Germanys next Top-Model aus dem Programm! Das wäre doch mal ein Zeichen. Die Jugend braucht Vorbilder wie Carla, Ralph, Steven und Jule. Was bekommt sie stattdessen? Heidi Klum und Dieter Bohlen.

Kommentare

daniel , 12.06.13 21:06

Danke für diese wahre und gute Kolumne!
Wenn viele kleine Leute
an vielen kleinen Orten
viele kleine Schritte tun -
können sie das Gesicht der Welt verändern!

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