Nur über das Elternhaus

Von Mathias Maurer, Oktober 2015

Rudolf Steiner hat in den Ansprachen, die er in den ersten Jahren der Waldorfschulgründung gehalten hat, Grundsätze der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern formuliert, die es lohnt, sich erneut ins Bewusstsein zu rufen.

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Im Zentrum seiner Forderung an die Lehrer steht, dass sie das volle Vertrauen der Eltern gewinnen müssen. Der Weg zum Kind kann nur durch das Elternhaus führen. Den Eltern ihrerseits wird zugemutet, dass sie ihr »Liebstes« loslassen. Es kann an einer Waldorfschule nicht um den Ausgleich von unterschiedlichen Interessen gehen, sondern darum, an einem Strang zu ziehen – zum Wohle des Kindes.

Hier ein kommentierter Streifzug durch die Ansprachen aus dem Band »Rudolf Steiner in der Waldorfschule« (GA 298).

Waldorf-Eltern sind Gesellschafts-Pioniere

Wenn Eltern für ihre Kinder die Waldorfschule wollen, tun sie es, weil sie diese Schule für die beste halten. Sie wollen das Beste für ihr »Liebstes«, das sie der Schule übergeben.

Über dieses fürsorgliche Interesse hinaus, das die Lehrer aus ihrem beruflichen Auftrag heraus mit den Eltern teilen, sollten Eltern und Lehrer jedoch auch ein größeres Ganzes im Blick haben. Sie sollten sich als Gestalter einer freien Schule, als gesellschaftliche »Pioniere« empfinden. Steiner ging es darum, Pädagogik aus den Fängen staatlicher und wirtschaftlicher Bevormundung zu befreien. Steiner wollte durch die Waldorfschule das gegliederte und selektierende Schulwesen überwinden und dem damit einhergehenden »Standesbewusstsein« entgegentreten. Denn dieses wirke wie ein »Gift« in den Seelen der Kinder.

Es darf keinen Gegensatz zwischen Schule und Elternhaus geben

Steiner betont wiederholt, dass eine wirkliche Eltern-Lehrer-Trägerschaft nur dann funktionieren kann, wenn es keine Interessengegensätze gibt. Das Kind nimmt alle Nuancen seiner Umgebung in feinster Weise auf. Wenn es nach Hause kommt und spürt, dass das, was es in der Schule gelernt hat, ganz anders betrachtet wird, kommt es in einen »inneren Zwiespalt«. Umgekehrt bekommen die Lehrer über das Kind »ein Bild des ganzen Elternhauses; in der Gesundheit, im Temperament, im Fassungsvermögen, in der moralischen Anlage trägt das Kind das Elternhaus in die Schule hinein«. Deshalb dürfen »Eltern und Lehrer sich nicht fremd« sein. Zwischen Elternschaft und Lehrerschaft soll »ein wirklich inniges freundschaftliches Verhältnis« bestehen, »das auf der Sache begründet ist«. Die Eltern sollten der Pädagogik und dem pädagogischen Tun der Lehrer ein wirkliches Interesse entgegenbringen. Dieses Interesse der Eltern unterstütze die autoritative Kraft des Lehrers und das spürten die Kinder. Dieses Gegenzeugnis der Eltern sei »fast noch wichtiger als für das Kind das Zeugnis« des Lehrers.

Vertrauen und Geduld sind notwendig

Oft kritisierten Eltern, dass ihr Kind einen bestimmten Lernstoff zu wenig oder zu spät lerne. Ihre Sorgen seien ungerechtfertigt. Was das Kind wann lerne, liege in der Menschenkunde begründet. Wissen und Kenntnisse dienten der Entwicklung des Kindes, nicht umgekehrt. Steiner geht es um die Stärkung der Lebenskräfte des Kindes (»frisch gerötete Wangen«) in einer angstfreien Lernatmosphäre. Dem »Je-früher-desto-besser« setzt Steiner ein Konzept der Reifung und Entschleunigung im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung des heranwachsenden Kindes entgegen – nach dem Moto: »Ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.«

Die Liebe des Lehrers zum Kind …

Das Verhältnis des Lehrers zum Kind soll frei von Angst und Furcht sein: » … man erzielt nichts im Unterricht und in der Erziehung in der Schule, wenn nicht zwischen dem Lehrer und dem Kinde und des Kindes zum Lehrer … das Verhältnis wirklicher Liebe« herrscht. »Das ist dasjenige, was wir wirklich in unserer Waldorfschule pflegen wollen … als etwas pädagogisch und didaktisch ebenso Notwendiges, wie bloße äußere Geschicklichkeit.«

… und die Liebe der Eltern zur Schule

Waldorfpädagogik bloß verstehen oder intellektuell nachvollziehen zu können, reicht nicht; sie muss auch geliebt werden: »Und ist die Gesinnung der Eltern in solche Liebe getaucht, so werden wir nicht nötig haben, unsere Kinder zu erziehen in der Furcht und in der Hoffnung, den zwei heute zwar gebräuchlichsten, aber schlechtesten Erziehungsmitteln.

Das beste Erziehungsmittel aber ist und bleibt die Liebe, und in einer von Liebe getragenen Erziehungskunst kann das Haus die Schule stark unterstützen.«

Eltern sind wie eine Festung um die Schule

Soll ein Freiraum entstehen, der es ermöglicht, den »Kindern das Beste zu geben, das ihnen gegeben werden soll, dann brauchen wir diese Schule umwallt von dem Elternverständnis wie von den Mauern einer Festung. In dem Bewusstsein können unsere Lehrer am besten unterrichten«. Dieses Bewusstsein könnten Waldorflehrer nicht erzwingen, »weil sie ja nicht irgendwie im Hintergrund haben all die­jenigen Zwangsmaßregeln, die die Lehrer anderer Schulen haben. Aber aus dem Zwang heraus wird niemals im menschlichen Leben etwas Vernünftiges gewirkt. Damit wir in Freiheit wirken können, brauchen wir ein Verständnis des freien Wirkens bei der Elternschaft.« Dafür sei es nötig, dass die »Lehrer mit den Eltern recht zusammen denken, harmonisch zusammen empfinden, dass wir dasjenige in der Schule wollen, was die Eltern selbst mit ihren verkörperten Idealen, mit ihren lieben Kindern wollen«.

Die Gabe der Eltern an die Lehrer

Nicht nur die Kinder lernen, sondern auch die Lehrer – durch die Unterrichtsvorbereitung, aber vor allem dadurch, dass sie »die Seelen der Kinder … erkennen«. Sie tun dies, in der vollen Anerkennung dessen, was die Eltern durch ihre Kinder als ihre »Gabe ins Schulhaus getragen« haben. »In diesem tiefen, dankbaren, wohlwollenden Gefühl«, sagt Steiner an die Eltern gewandt, »empfangen unsere Lehrer dasjenige, was Ihr als Euer Liebstes ins Schulhaus hineinbringt. Daraus entspringt das Bestreben dieser Lehrer, in Dankbarkeit und Liebe Euch nach ihren Kräften zurückzugeben, was Ihr selbst gegeben habt …« Steiner spricht hohe Gefühle an, wenn er sagt, dass es wie »ein Gelöbnis« sei, dass die Lehrer »im Bewusstsein des Heiligsten« unterrichten sollen, das der Schule von den Eltern entgegengebracht werde. Diesem Entschluss der Eltern sollten sie mit tiefem Verantwortungsgefühl begegnen.

Die Lehrer müssen sich das Verständnis der Eltern erarbeiten

Während sich Lehrer gewöhnlich von der Staatsgewalt getragen fühlten und daraus ihre Autorität gegenüber Schülern und Eltern ableiteten, müssten die Waldorflehrer »aus dem heraus wirken, was uns aus Menschen- und Lebenserkenntnis, aus Menschenwissenschaft und Menschenkunst als pädagogisches Ziel voranleuchtet. Wir müssen, was wir brauchen für den täglichen Unterricht, aus der inneren Kraft unseres pädagogischen Herzens herausholen«. Sie könnten sich nicht darauf berufen, »dass eine höhere, aus der anerkannten Gesellschaftsordnung folgende Weisheit« über ihren Häuptern schwebe, die sie führe. Sie müssten aus ihren eigenen Schulidealen wirken, die »tief verwurzelt in den wichtigsten Kulturforderungen der Gegenwart und nächsten Zukunft« seien. Die Eltern müssten »eindringen können in die Gedanken, Empfindungen, Willensimpulse, die uns selbst tragen«. Diese Einsicht dürfe nicht auf Autoritätsglauben beruhen. »Das hat keinen Wert für uns«, fand Steiner.

Die Schicksalsverbindung des Lehrers mit dem Kind

Eltern sind, wie Steiner sagt, auf »natürliche« Weise mit dem Schicksal ihrer Kinder verbunden. Die Lehrer nicht weniger, allerdings nicht durch Abstammung (Elternschaft), sondern durch seelische Verwandtschaft und ihren geistigen Auftrag: »Das, woran wir künstlerisch arbeiten, ist nicht so wie das äußere Kunstwerk in Marmor oder Holz, es ist etwas, was sich schicksalsmäßig mit uns verbindet. Wenn wir so am Tage vor unseren Kindern stehen, … verbinden wir uns für eine Ewigkeit schicksalsmäßig mit diesen Seelen … Aus diesem Schicksalsgefühl quillt in einer Weltauffassung, wie wir sie hier haben, die wahre Lehrerverantwortlichkeit.«

Die Ideale der Lehrer und das Vertrauen der Eltern

Die Ideale der Lehrer müssen Steiner zufolge das Vertrauen der Eltern rechtfertigen. Und dieses Vertrauen der Eltern muss auf Verständnis beruhen. »Und deshalb ist es, warum die Lehrer und Erzieher unserer Waldorfschule ... so gerne alles im Einklang mit den Eltern für das Wohl und Wehe der Kinder zustande bringen möchten …« »Glücklich sind wir, dass wir das Vertrauen von Menschen besitzen, wie das der Eltern …«, so dass die Lehrer »so recht fühlen« könnten … : »Durch Jahre hindurch haben uns die Eltern ihr Liebstes überlassen, vertrauensvoll haben sie es uns übergeben, und das wird das Glück der Schule sein, dass wir dieses Vertrauen nicht nur erhalten, sondern gerechtfertigt haben …«

Zusammenarbeit in der Selbstverwaltung

Auch die Aufgaben der Selbstverwaltung und Schulführung seien nur im Verein mit den Eltern zu lösen: »Unsere Waldorfschule soll ja nicht nur ihrem Titel nach, sondern ihrem ganzen Wesen nach eine freie Schule sein.«

Steiner ist überzeugt davon, dass »bei allen Eltern nur eben die tiefste Befriedigung wird hervorrufen können, wenn in uns das Verlangen nach dem Zusammenwirken mit der Elternschaft besteht«. Wem nicht deutlich wird, worin die Radikalität von Steiners Ansichten besteht, kennt den schulischen Alltag nicht, die Elternabende und die alltägliche Auseinandersetzung der Lehrer mit Schülern und Eltern. Der schicksalhaften Bedeutung, dass sich ein Schüler und ein Lehrer begegnen und acht Jahre miteinander auskommen wollen, steht die Tatsache gegenüber, dass Schüler von der Schule verwiesen werden. Die Aufgabe der Eltern, den schulischen Organismus wie ein Lebewesen zu schützen, stehen Parkplatzgespräche, die ganze Klassen spalten können, dem Ruf nach Vertrauen und Verständnis abstrakte Strukturen und Geschäftsordnungen, die Interessengegensätze zementieren entgegen.

Um keinem Missverständnis aufzusitzen: Steiners Begriff von Liebe, Vertrauen und gegenseitigem Verstehen ist keine Einladung zu Kuschelpädagogik und Harmoniezwang. In der »Allgemeinen Menschenkunde« (GA 293) formuliert er an die Lehrer adressiert: »Wir kommen mit unserer Aufgabe nur zurecht, wenn wir sie nicht bloß betrachten als eine intellektuell-gemütliche, sondern als eine im höchsten Sinne moralisch-geistige«, eine Aufgabe, die man – aus Liebe zum Kind – meistern muss.

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