Organtransfer und Hirntod

Von Ariane Landwehr, Dezember 2014

Fast alle Krankenkassen schicken den Mitgliedern, die älter als 16 Jahre alt sind, einen Organspendeausweis zu, mit der Aufforderung, diesen möglichst bald auszufüllen. Die beigefügten Informationen sind spärlich, von Interessengruppen geprägt und reichen daher nicht, um eine Entscheidung für oder wider die Organspende zu fällen.

Somit kommt auf Eltern und Lehrer die Aufgabe zu, mit den jungen Menschen über das Thema zu sprechen, zu Hause, im Religionsunterricht, in der Klasse oder gar in Workshops während der Oberstufentage. Das vorliegende Buch ermöglicht eine umfassende Vorbereitung für eine verantwortungsvolle, ausreichend begründete persönliche Entscheidung und für die Begleitung der Jugendlichen. Der niedergelassene anthroposophische Arzt und Kardiologe Paolo Bavastro und der Christengemeinschaftspfarrer Günter Kollert beleuchten die Thematik in vielfältiger Weise und informieren über die gesetzlichen Bestimmungen, einschließlich der Regelungen bei Auslandsreisen.

Der Leser wird aufgerufen, kleinste Ungenauigkeiten und Widersprüche bei den Darstellungen zum Thema Hirntod zu bemerken. Sind wir bereit, eine Lebensverlängerung um jeden Preis zu akzeptieren? Nach Bavastro sind die Nahtoderfahrungen bisher nicht geeignet, den in der Medizin bestehenden Materialismus zu erschüttern. Sie könnten aber eine Herzensgewissheit nähren. Man erfährt, dass Hirntote Schwangerschaften ausgetragen haben und dass sie bei der Organentnahme auf das Skalpell mit Schweißausbrüchen und Hautrötung reagieren, weswegen grundsätzlich eine Narkose eingeleitet würde. Berichte über die skandalöse Vergabe von Organen sollten uns aufrütteln und dazu veranlassen, Schwerstkranke oder Menschen im Wachkoma nicht zum Ersatzteillager zu degradieren.

Die Psychotherapeutin Elisabeth Wellendorf erzählt in einfühlsamer Weise aus ihrer beruflichen Praxis. Sie führt den Leser an folgende Themen heran: »Wie ist die Seelenverfassung eines Menschen, der sich auf die Transplantationsliste setzen lässt?«, »Die Dankbarkeit gegenüber den kranken Organen, die das bisherige Leben ermöglicht haben und die Dankbarkeit gegenüber dem Spender« und »Wie geht es einem Patienten mit dem neuen Organ?«

Im Anschluss werden von Kollert anthroposophische Gesichtspunkte und ethische Fragen, wie zum Beispiel die nach dem Schicksal der Ärzte, die die Organentnahme durchführen, hinzugefügt.

Im Anhang befindet sich noch ein Beitrag des Neurowissenschaftlers Andreas Zieger.

Diesem Buch ist zu wünschen, dass es zahlreiche Leser findet.

Paolo Bavastro, Günter Kollert (Hg.): Organtransfer – Ethische und spirituelle Fragen zu Organtransplantation und Hirntod, brosch.,262 S., EUR 18,–, Verlag am Goetheanum, Dornach 2014

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