Pädagogen brauchen Beistand

Von Henning Köhler, September 2015

Jemand hat sich beklagt, ich kritisierte immer nur die (Fehl-) Diagnose ADHS und den therapeutisch sinnlosen wie schädlichen Einsatz von Psychostimulanzien, statt Alternativen zu zeigen. Was die Kolumnen angeht, stimmt das. Aber ich schreibe ja nicht nur Kolumnen. Meine Bücher enthalten eine Fülle praktischer Anregungen.

Wie »man« mit ADHS-Kindern verfahren soll, ist falsch gefragt, denn eine einheitliche, fest umrissene Krankheit dieses Namens existiert nicht. Daher gilt es in jedem einzelnen Fall sorgfältig zu prüfen,

1. ob das betreffende Kind überhaupt unter einer krankheitswertigen Beeinträchtigung leidet oder diese ihm nur zugeschrieben wird (was dann allerdings reaktive Verstörungen hervorrufen kann);

2. um welche Art von Beeinträchtigung es sich handelt, falls eine vorliegt – und hier kommen nun viele Möglichkeiten in Betracht, die jeweils zu ganz unterschiedlichen pädagogisch-therapeutischen Konsequenzen führen.

Verhängnisvoll ist ja gerade die Gier nach abstrakten diagnostischen Sammelbegriffen in der vergeblichen Hoffnung, aus ihnen ließen sich Problemlösungs-Patentrezepte ableiten. Sogenannte Verhaltensauffälligkeiten verweisen fast immer auf einen komplexen Entstehungshintergrund, welchen auszuleuchten, Zeit und Geduld erfordert. Es gibt sicher Kollegen, deren Fähigkeit, intuitiv die richtige Diagnose zu stellen, weiter entwickelt ist als meine. Doch man hüte sich hier vor Selbstüberschätzung! Wie oft werden spontane Assoziationen mit Intuitionen verwechselt! Wie oft trügen scheinbar naheliegende Schlussfolgerungen! Heilpädagogische Diagnostik darf nicht oberflächlich-symptomverhaftet bleiben. Doch erwünscht sind heutzutage schnelle Urteile und durchschlagende Sofortmaßnahmen: neurochemisches Ungleichgewicht, Ritalin, Verhaltensdressur. Das individuelle Schicksal ist allenfalls von nebengeordneter Bedeutung.

Aus spiritueller Sicht kommt noch dies hinzu: Wir sind angehalten, den grundlegenden Unterschied zwischen Individuationshilfe – Pädagogik ist nichts anderes als Individua- tionshilfe, recht verstandene Therapie ebenfalls – und Maßnahmen zur Anpassung an konventionelle Normen zu beachten. Der Respekt vor der Individualität gebietet, abspüren zu lernen, wo Schluss damit sein muss, in die kindliche Entwicklung einzugreifen – auch wenn sie anders verläuft, als wir es uns wünschen. Dazu bedarf es einer Übungspraxis, die ich seit vielen Jahren in diversen Fortbildungen zu vermitteln versuche. Sie läuft auf eine nicht im Entferntesten rührselige Weise darauf hinaus, sich des Beistands der Engel zu versichern.

Ohne diesen Beistand sind wir Elefanten im Porzellan­laden. Oft verhindert unser pädagogischer und therapeu­tischer Aktionismus gerade das, worauf es ankäme: den kleinen zerzausten Marcels und Kevins und Lisas eine Umgebung zu schaffen und eine Umgebung zu sein, in der sie richtig atmen können.

Letztlich ist alles eine Frage des Atmens.

Und der Begegnung.

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