Pädagogik für die Zukunft der Kinder

Von Christoph Hueck, Walter Hutter, Dezember 2009

Professor Heiner Ullrich gab in der Erziehungskunst 10/2009 einen Beitrag zur Waldorfpädagogik. »Angesichts der Pluralität heutiger Kindheitsmuster« sei »jede naturalistische Vorstellung eines universal gültigen Modells kindlicher Entwicklung … zurückzuweisen«. Es gebe, so Ullrich weiter, »kaum gesicherte empirische Befunde, auf die sich die anthroposophische Menschenkunde … stützen könnte«.

Die Erziehung des Kindes müsse »als eine bürgerliche Ausgestaltung des pädagogischen Moratoriums verstanden werden«. Sie würde »erfolgreich praktiziert, weil Waldorfschulen und -kindergärten ein gleichförmiges postmaterielles Milieu der oberen Mittelschicht« anzögen. Die Auffassungen laden zu einer Erwiderung ein. Die Waldorfpädagogik stellt den Menschen konsequent in den Mittelpunkt und kann zur Kunst werden, wenn Erzieher über Auffassungsorgane bzw. Elemente seelisch-geistiger Sensibilisierung verfügen, die entwicklungsbezogen und ergebnisoffen ein Handeln aus dem konkreten Erfassen des individuellen Kindes ermöglichen. Die anthroposophische Menschenkunde und die Künste vermitteln so gesehen ein anschauungsförderndes Orientierungswissen zur Verfeinerung pädagogischer Professionalität, lebendiger Erziehung und perspektivisch forschender Fragehaltung.

Je konkreter die individuellen Entwicklungsprozesse berücksichtigt werden, desto körperlich gesünder, seelisch freier und geistig klarer kann sich das Kind entfalten (Salutogenese). Relevante Befunde hierzu liegen vor. Gleichwohl kann empirische Forschung, die stets theorieimprägniert, d.h. von der Art der Fragestellung abhängig ist, die Gültigkeit normativer Leitbilder der Pädagogik nicht beweisen. Auch wenn die Leitbilder geleugnet werden, es gibt sie. Die Frage bleibt, an welchen Wertprämissen man sich orientiert.

Die Dekonstruktion des Selbst (es sei flüchtig, fragmentarisch, unbeständig) kann auf die Pädagogik nicht kritiklos übertragen werden. Beim postmodernen Anspruch, Kinder als Subjekte ihres eigenen Lebens zu stärken, taucht leicht ein Zerrbild pädagogischen Engagements auf, wenn sie anhand von Pluralitätsübungen bereits im Kindergarten in kaum greifbare Entscheidungsprozesse gedrängt werden. Ein Elefant wird auch nicht an einem Tag groß.

Die leiblich-seelisch-geistige Entwicklung des Kindes darf nicht geleugnet werden. Es gibt sie bei aller Wandelbarkeit der Bilder. Auch existiert neben dem Gegebenen das Schöpferische. Die innere Anwesenheit objektiver Gesetzmäßigkeit und jene der Kunst (der General­bass des pädagogischen Wirkens) stehen in präziser Beziehung zueinander, jenseits einer bloß bürgerlichen Ausgestaltung eines Bildungsmilieus der oberen Mittelschicht. Die Antwort der Waldorfpädagogik ist, dass sie für die Chancen des individuellen Lernens und daher für eine Erziehungskunst als Vertiefung der Pädagogik plädiert.

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