Paradigmenwechsel

Von Sonja Cordes-Schmid, November 2015

Eine Antwort auf Henning Köhlers Beitrag »Inklusion braucht keine exkludierenden Zuschreibungen« vom Juni 2015.

Anmerken möchte ich als Ergänzung zu Herrn Köhlers Erwiderungen vom Juni 2015, dass wenn wir heute leider noch gezwungen sind, Statuszuschreibungen zu nutzen, doch gerade gut geführte Inklusionsmodelle das Potential haben, dieses historische Moment dauerhaft zu überwinden.

Wie bei allen Paradigmenwechseln müssen wir wachsam zwar, aber mehr noch besonnen bleiben, denn gesellschaftliche Umwälzungen sind leider selten über Nacht entstanden. Schon gar nicht, wenn Sie eine so großartige Perspektive versprechen, wie die schulische Inklusion – über die noch viel mehr zu schreiben sich lohnen würde.

Zum Beispiel über die Überwindung der Angst vor sozialer Ausgrenzung: Selbst in der Waldorfschule, wenn auch vielleicht weniger als in anderen Schulen, wird konstant ausgesondert. Wer intellektuell nicht rein passt oder wer stört, muss die Klasse oder gar die Schule verlassen. Wie wirkt dies aber auf jene Kinder, die bleiben? Sie lernen damit, wer nicht funktioniert, muss ins Ungewisse, denn die Kinder wissen oft nicht einmal, wo der Mitschüler oder die Mitschülerin hingekommen ist. So erleben sie das Nichtmehrdasein von Störern oder ungenügend Leistungsfähigen oft als ein Verschwinden. Doch welcher Lernprozess resultiert daraus? …»Wenn ich mich nicht anpasse bzw. nicht funktioniere, wie es gewünscht wird, verschwinde ich dann auch?«

In der Inklusion kann diese  folgenreiche Angst vor sozialem Ausschluss meines Erachtens aber gänzlich überwunden werden. Ich hatte in den letzten drei Jahren das Glück, in einer Inklusionsklasse als Sonderschullehrerin zu arbeiten, in der ich zumeist in Zweitbesetzung sieben Kinder mit unterschiedlichem sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit 15 Regelschülern unterrichten durfte. Dabei war auch ein Kind mit einer ausgeprägten Verhaltensproblematik. Dieses Kind hat geschlagen und geschrien, andere Kinder und Lehrerinnen fast täglich beleidigt und verletzt. Erst unter Einsatz sämtlichen sonderpädagogischen Handwerkszeugs, des Coachens der Klassenkameraden und der Regellehrkräfte und des geduldigen Ausharrens konnte der Junge über die Jahre langsam zu sich selbst finden, so dass es im dritten Schuljahr zu keinen gravierenden Störungen mehr kam, und er Freude am Lernen und am sozialen Miteinander entwickeln konnte. So hat er es mit viel Ausdauer und dem steten Beistand seiner Lehrerinnen und Mitschüler und Mitschülerinnen geschafft, sich zu einem anerkannten Klassenkamerad zu entwickeln, der unterstützt wird, wenn er es braucht, der aber auch aufgefordert wird, im Klassenverband seinen Anteil beizutragen.

Jeder Mensch, selbst ein so »herausfordernder« Mitschüler wie Bertram, gehört dazu, kann sich verändern, kann ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln, ist ein beständiger Teil der Klassengemeinschaft; niemand muss gehen, aber manche brauchen hier und da etwas mehr Verständnis und Unterstützung. Kinder, die das am eigenen Leib erfahren haben, als Mittelpunkt oder im Umkreis, werden gestärkt aus einer solchen Klasse hervor gehen. Sie werden lernen, mit Verschiedenheit und Vielfalt wertschätzend umzugehen, da weder das Gegenüber noch sie selbst in Gefahr geraten, jemals ausgeschlossen zu werden. Auch lernen die Kinder, dass Unterstützung im Klassenverband für alle etwas ganz Normales ist, manchmal als Gebender und manchmal eben auch als Nehmender.  

Es wird für die Politik schwer sein, einem Schulsystem auf Dauer die angemessene Finanzierung zu verweigern, wenn Lehrkräfte, Eltern und Fachkräfte eine gemeinsame Vision verfolgen. So gilt es meines Erachtens das Pflänzchen Inklusion derzeit noch behutsam zu gießen, bevor es vorschnell zurecht gestutzt wird! Dabei möchte ich mich nicht gegen den konstruktiven Austausch von Fachwissen wenden, nur um etwas Behutsamkeit bitten, je nach dem in welchem publizistischen Medium sich bewegt wird.

Und so bin und bleibe ich weiterhin überzeugt, dass positive und konstruktive Darstellungen, aus denen die Bedingungen für gelungene Inklusion klar heraus gestellt werden, mehr ausrichten können als Negativschlagzeilen und Verlustprophezeiungen.

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