Pflanze, Tier, Mensch: Das Leben ist dreigliedrig

Von Reinhard Wallmann, September 2012

Jedes Lebewesen hat seine charakteristische Weise, den Raum in seiner Entwicklung mit der ihm eigenen Gestalt einzunehmen.

Die Blütenpflanzen gehen von der organischen Einheit des Samens aus, und es lässt sich beobachten, wie sich bei der Keimung eine Polarität ausbildet: Die ersten Wurzeln ergreifen die Erde der Schwerkraft folgend, und dem Licht entgegen bildet sich der Sprossabschnitt mit den Keim­blättern. Während die Wurzeln radial das Erdreich durch­dringen, bildet sich ein reich gegliederter, flächig den Raum einnehmender Bereich von grünen Blättern, der sich zur sphärischen Form der Blüte metamorphosiert. In der Polarität von Wurzel und Blüte gibt es einen rhythmischen Wechsel: Mal streckt sich der Stiel, mal bilden sich die Knoten, aus denen die Blätter keimen. In den grünen Blättern atmet die Pflanze eingebunden in den Tag-Nachtrhythmus und sorgt für einen Ausgleich der polaren Ströme von mineralstoffreichem Wasser (von unten nach oben) und dem Transport von Kohlenhydraten (von oben nach unten bis in die Wurzel).

Dieses Prinzip wurde von Goethe schon aufmerksam beobachtet und begrifflich gefasst. Er sprach von der Polarität der Pflanze zwischen Schwerkraft und Sonnenzugewandtheit und der Steigerung im Bereich der sich metamorphosierenden Blätter. Dieses Strukturprinzip findet sich nicht nur bei Pflanzen, sondern auch bei den Tieren und dem Menschen in vielfältigster Ausprägung, es ist ein universales Gliederungsprinzip von Polaritäten und einem mittleren Bereich der rhythmischen Durchdringung und damit der innigen Verbindung der Pole.

Diese Dreigliederung sei am Beispiel der Säugetiere verdeutlicht.

Wisent, Maus und Löwe – Beispiele aus der Tierkunde

Das größte europäische Landsäugetier ist der Wisent (Bison bonasus). Er ist bei uns nicht so bekannt wie der amerikanische Bison. Über eine Million Jahre alte Knochen hat man vom Wisent in Europa gefunden. Er ist in der Höhle von Altamira in Nord-Spanien abgebildet und diente als Nahrung der frühzeitlichen Jäger. Das letzte freilebende Tier wurde 1919 getötet und seitdem bemüht man sich, diese imponierenden Tiere wieder auszusiedeln. Heute sollen es weltweit wieder 3.000 sein. Sein Lebensraum – typisch für die Huftiere – ist die offene Landschaft, auch wenn die größte heute lebende Herde in Waldgebieten in Polen zur russischen Grenze hin lebt (Bialowieza). Die Huftiere sind Landschaftsgestalter – so ist vom Bison bekannt, dass er nicht nur in der Prärie lebt, sondern diese durch ihn existiert. Indem er bestimmte Kräuter nicht frisst, können sich diese bei Trockenheit entzünden und die Präriebrände halten die Landschaft offen.

Für uns sehen Gräser alle mehr oder weniger gleich aus. Mit seinem guten Geschmacksempfinden kann der Wisent aber sehr wohl die Arten unterscheiden und er sorgt selber für ihre Vielfalt, indem er beim Weiden mit seinen Hufen tiefe Spuren hinterlässt, die den Lebensraum für andere Grasarten bilden. So gehören Tier und Landschaft zusammen, sie bilden eine Einheit.

Die Gestalt der Wisente ist groß und massiv, sie können bis zu 1.000 Kilogramm schwer werden und eine Höhe von zwei Metern erreichen. Auffallend sind die fast geraden und kantigen Formen des Rückens, des Schädels und die geraden säulenartigen Beine. Das Gewicht liegt offenbar vor allem auf den Vordergliedmaßen. Die Tiere sind umherschweifende Nomaden ohne festen Einstand und vom Verhalten her sehr ruhig, doch einmal aufgeschreckt, können sie zwei Meter hohe Hindernisse und drei Meter breite Gräben überwinden und beim Sprinten 60 Stundenkilometer erreichen. Sie fliehen in die Weite und können lange laufen, bis sie sich beruhigt haben. Die Gliedmaßen sind also wohl entwickelt, sie sind ausdauernde Läufer und nicht so träge wie unsere Hausrinder. Gerne wird ihnen Bosheit und Gefährlichkeit unterstellt. Das ist aber eher ein Gerücht, denn sie sind friedlich und scheu.

Sie sind reine Vegetarier, die recht schwer verdauliche, minderwertige Nahrung (Zellulose) zu sich nehmen: vor allem Gras, Kräuter und ihre Lieblingsnahrung Ahornfrüchte. Das Kauen und Wiederkäuen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und braucht unvorstellbare Mengen an Speichel (bei einer Kuh über 100 Liter am Tag). Die Speicheldrüsen übertreffen die Gehirngröße. Der vierfach unterteilte Magen hat bei Wiederkäuern einige Besonderheiten und auch die Darmlänge mit über 50 Metern lässt keinen Zweifel, wo die Hauptaktivität dieser Tiere liegt. Zusammenfassend kann man sagen, der Wisent – stellvertretend für die Huftiere – ist ein ruhiges, gliedmaßenbetontes, stoffwechselaktives Herdentier der offenen Landschaft. Den Bewusstseinsgrad könnte man eher als träumend bezeichnen und entsprechend brauchen diese Tiere auch nicht viel Schlaf.

Eine Maus frisst am Tag 200 Prozent ihres Körpergewichts

Nun kann man überlegen, welches Säugetier den Gegenpol dazu bildet und wird zum Beispiel zu der Hausmaus kommen. Alles an ihr verhält sich polar zum Wisent. Dieses ausgesprochen kleine Tier hält sich bevorzugt in Feld und Garten auf, liebt Schlupfwinkel und enge Gänge, es flieht nicht in die Weite, sondern versteckt sich bei Gefahr springend, hüpfend im nächsten Schlupfloch. Es zernagt ruhelos alles, was seine spitzen Nagezähne zerkleinern können. Seine Form ist nicht gerade und eckig, sondern ausgesprochen rund, mit großer Betonung des Rumpfes, während die Schnauze spitz zuläuft und ihr ein langer dünner Schwanz zu eigen ist. Die Beine sind nicht säulenförmig, sondern liegen eng am Körper an. Besonders auffallend sind auch die Verhaltensunterschiede zu einem Huftier. Die großen, wachen Augen und auffälligen Ohrmuscheln sind stets in Bewegung, die Schnurrhaare vibrieren – es sind sinneswache, ruhelose Tiere.

Die Nahrung ist sehr hochwertig, Fleisch, Käse, Brot und Speck, gerne auch Nüsse, Körner oder Süßigkeiten. Haselnüsse zum Beispiel enthalten 60 Prozent Öl! Eine Maus frisst am Tag 200 Prozent ihres Körpergewichts (das Rind nur drei Prozent und ein indischer Elefant nur ein Prozent). Die Ausscheidung ist ein mineralisierter trockener Rest, während bei den Huftieren dickflüssige, immer noch nährreiche Fladen zurückbleiben. Mit dem hellen, wachen Bewusstsein mag zusammenhängen, dass die Mäuse viel Schlaf brauchen.

Zwischen diesen so polar unterschiedlichen Tieren nehmen die Raubtiere eine mittlere Stellung ein. Der Löwe zum Beispiel versteckt sich gerne in der Dornensavanne oder liegt im Schatten unter einem Baum. Die Körperform ist in jeder Hinsicht geschmeidig, weder ist der Rücken gerade und starr (Wisent) noch rundlich (Maus), sondern elastisch biegsam, dem Rhythmus des Laufens folgend. Auch in der Größe nimmt er eher eine Mittelstellung ein. Oft fliehen die Löwen bei Gefahr nicht gleich oder greifen an, sondern bleiben an ihrem Platz, aufmerksam und wach, bevor sie sich entscheiden. Beim Verhalten denkt man sicher vor allem an eine Löwenjagd, ein äußerst dramatisches Geschehen, welches in Filmen natürlich eher gezeigt wird als eine weidende Herde Huftiere. Die Löwinnen warten, lauern und schleichen sich an, bis ein Angriff möglich erscheint. Dann sprinten sie und erlegen das Tier – bei einer gekonnten Jagd – mit einem Biss in den Hals. Alle Sinne sind auf das Stärkste geschärft, aber ein Spurt kann nur kurze Zeit durchgehalten werden. Ist das Tier erlegt, können Unmengen auf einmal gefressen werden. Ein männlicher Löwe kann bis zu 45 Kilogramm Fleisch fressen. Interessanterweise nimmt auch die Nahrung eine Mittelstellung ein. Sie ist weder minderwertig wie beim Wisent noch hochwertig wie bei der Maus, sondern entspricht dem, woraus der Löwe selber besteht: Muskelfleisch, also Eiweiß. Danach ist Verdauen angesagt und nichts kann ihn dabei so leicht stören. Das Besondere an den Raubtieren ist offenbar der ständige Wechsel von höchster Anspannung bei der Jagd oder bei Kämpfen und dem manchmal mehrere Tage dauernden Dösen im Schatten. Dieses geradezu rhythmisch zwischen den Polen schwankende Verhalten führt zu der Frage, ob nicht die rhythmisch arbeitenden Organe besonders ausgeprägt sein müssten. Tatsächlich sind Herz und Lunge beim Löwen stark ausgeprägt. So ist das Herz im Verhältnis zum Körpergewicht besonders groß – fast doppelt so groß wie beim Rind – und auch die Atemfrequenz ist deutlich höher. Der Anteil der Lunge am Körpergewicht ist im Verhältnis zum Rind sogar fast dreimal so groß und damit höher als bei fast allen Säugetieren. Herz und Lunge sind dabei in besonderer Harmonie: Sie haben etwa das Verhältnis von eins zu vier, ein Atemzug auf vier Herzschläge. Man hat vermutet, dass das ein besonders günstiger Rhythmus auch für den Menschen ist – dem ist allerdings tagsüber nicht so. Nachts im Erholungsschlaf findet sich dieses »ideale« Verhältnis auch beim Menschen.

Der Unterschied zeigt sich im Gebiss

Diese drei Tiergruppen zeigen sehr deutlich eine Dreigliederung in eher stoffwechsel- und gliedmaßenbetonte Huftiere, polar dazu findet sich die Hauptaktivität bei Nagetieren in den Sinnesorganen beziehungsweise dem Gehirn und die Raubtiere leben besonders stark im ständigen Wechsel ihres rhythmischen Systems. Hierbei ist selbstverständlich, dass nur auf die Schwerpunkte der Aktivität geschaut wurde und natürlich lassen sich alle anderen Säugetiere mit Blick auf ihre speziellen Aktivitätsmustern klassifizieren. Mit dieser Betrachtung hat man übergeordnete Gesichtspunkte gefunden, die eine andere innere Verwandtschaft und Beziehung dieser Gruppen zeigen, als die bekannte biologische Systematik. Es wird aber noch etwas deutlich, wenn man beispielsweise die Schädel und Gebisse dieser Tiere betrachtet. Auch hier spiegelt sich die Polarität von Wisent und Maus: Bei der Maus sind vor allem die Schneidezähne ausgebildet bei relativ kleinen Backenzähnen, beim Wisent verhält es sich umgekehrt. Beiden fehlen aber die Eckzähne, die ja in der Mitte dazwischen sitzen. Tatsächlich hat das »mittlere Tier«, der Löwe, vor allem die Eckzähne als »Dolche« ausgebildet. Die Schneidezähne sind zurückhaltend ausgeprägt und die Backenzähne haben eher den Charakter von Scheren, mit denen das Fleisch nicht gekaut oder zermahlen, sondern zerteilt wird, um als Brocken geschluckt zu werden. Man sieht einen inneren Zusammenhang von Nahrung, Zähnen, Verhalten, Verdauung und Größe des Tieres. Offenbar sind hier aber in der Evolution nicht nur einzelne unabhängige Mutationen am Werk gewesen, durch die ein Tier sich anpassend entwickelt hat, sondern es entsteht das Bild des Wirkens von Polarität und aktivem Ausgleich. Hier wirkt das Prinzip der Kompensation: Wenn bei einer Tierart eine Aktivität in ein Gebiet verschoben wird (zum Beispiel in den Stoffwechsel), tritt ein anderes dafür etwas zurück (zum Beispiel die Sinneswachheit).

Was hat das mit dem Menschen und der Pädagogik zu tun?

Beim Menschen sind die drei Bereiche besonders ausgewogen und harmonisch ausgebildet. Sie sind gewissermaßen das Erste, was beim Embryo aus dem sich unterteilenden Ei-Organismus entsteht. Er gliedert sich in drei Keimblätter (Ekto-, Ento- und Mesoderm), aus denen im Laufe der Entwicklung die Polaritäten des Sinnesnerven-Systems, des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Systems und dazwischen des rhythmische Systems entstehen. Diese Polarität zeigt sich sowohl in der Form mit dem kugelförmig von innen nach außen wachsenden Kopf und den strahligen Gliedmaßen, die beim Embryo gewissermaßen von außen nach innen wachsen, da ja erst die Hand, dann der Unter- und Oberarm wächst. Während die Gliedmaßen sich zurückbilden, wenn sie nicht beansprucht werden, muss der Kopf in Ruhe getragen werden, darauf ist der ganze aufrechte Körperbau ausgerichtet. Zwischen diesen beiden Polen von Ruhe und Bewegung steht das rhythmische System mit seinem stetigen Wechsel von Aktivität und Passivität. Auch hier stimmen Form und Funktion überein, sie sind wie aus einem Guss, was man wunderbar am Skelett ablesen kann. So sind die Knochen des Schädels unbeweglich miteinander verzahnt, die Gliedmaßen sind über viele Gelenke äußerst beweglich. Der Brustkorb zeigt den rhythmischen Bau von Rippen und Zwischenräumen, die Wirbelsäule von immer abwechselnden Wirbeln und Bandscheiben: Beide drücken damit räumlich die Tätigkeit von Herz und Lunge aus.

Dass wir tätig sein können, verdanken wir vor allem dem Gliedmaßen- und Stoffwechselsystem. Das Denken und Vorstellen bedient sich besonders des Sinnes-Nerven­systems und unsere Gefühle spüren wir unmittelbar verbunden mit Atmung und Herzschlag. Die Polarität von Angst und Mut, Trauer und Freude, Sympathie und Antipathie ist innig verbunden mit unseren rhythmisch arbeitenden Organen.

Eine Anthropologie, die diese Dreigliederung berücksichtigt, bedeutet für die Schule, alle drei Bereiche zu fördern, denn sie bedingen und durchdringen sich. So wird im Unterricht das Tätigsein gefördert, es werden die Denkkräfte erweckt und das Gefühl bekommt Nahrung. Damit ist gezeigt, was es bedeutet zu sagen, »der ganze Mensch geht in die Schule« oder es geht um das Lernen mit Kopf, Herz und Hand.

Zum Autor: Reinhard Wallmann ist Biologe und Chemiker und seit 1978 Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Dortmund. Tätigkeiten an verschiedenen Lehrerausbildungsstätten (Alanus Hochschule Alfter, Institut Witten-Annen und Budapest)

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