Positive Erfahrung

September 2016

Leserbrief zum Artikel »Vom Krankenhaus zurück ins Leben«, Erziehungskunst Juni 2016.

Diese positive Erfahrung durfte ich vor 38 Jahren an »meiner« Schule, der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund auch machen.

Es war einmal Sommer 1978. Im Juli erlitt ich mit 14 Jahren durch einen Reitunfall eine Querschnittlähmung, wurde »rollstuhlpflichtig« und dadurch zu einem »Sorgenkind« wie es damals noch hieß. Diese Behinderung führte damals noch regelmäßig dazu, dass man auf eine »Sonderschule« wechseln musste. Auf der Straße wurden mir Münzen in die Hand gedrückt und über den Kopf gestrichen. Das internationale Jahr der Behinderten – 1981 – war noch weit, die Ausdrücke Integration und Inklusion nur Fachleuten ein Begriff und schulisch noch nicht im Ansatz ersichtlich.

Lange hatte ich Sorge, dass auch ich die Schule wechseln musste, doch es kam anders. Die Dortmunder Rudolf-Steiner-Schule war noch im Aufbau und hatte gerade das neue Unterstufengebäude bezogen. Dieses Gebäude hatte ein stufenlos erreichbares Erdgeschoss, zum Saal im 1. Obergeschoss führte aber leider kein Aufzug. Eine Toilette wurde schnell umgebaut und mein Schulalltag konnte nach sechs Monaten Krankenhaus beginnen. Der Oberstufenbau war noch in Planung und dort wurde von Anfang an eine behindertengerechte Toilette und ein Aufzug eingeplant. Auch die weiteren Gebäude der Schule, Werkhaus, Sporthalle und Hort, wurden im Wesentlichen barrierefrei gebaut. Seltsam nur, dass alle Eurythmiesäle nur über Stufen erreichbar bleiben. Nun konnte ich die meisten Räume in den beiden Schulgebäuden und in den Barracken, in denen noch Werkunterricht stattfand, erreichen. Meine weitere Schulzeit bis zum Abitur konnte ich also an meiner alten Schule absitzen.

Die Lehrer und meine Klassenkameraden haben sich wieder gut an mich gewöhnt und ich fühlte mich in der Klassengemeinschaft angenommen. Alle haben mir bei meiner Rückkehr ins Leben geholfen – Sonderbehandlungen gab es nur, wenn sie unumgänglich waren. Die meisten Veranstaltungen wurden mir ermöglicht. Besonders ist mir die Feldmessfahrt auf den Bauckhof in Erinnerung; auch dort wurde ich überall mit hingenommen, durch die Ställe und über die Felder geschoben, gezogen und getragen.

Eigentlich habe ich erst im Nachhinein durch Gespräche mit anderen Betroffenen erfahren, wie gut ich es hatte, an die Schule zurückkehren zu können. Und wie sehr mir meine Klassenkameraden und Lehrer geholfen haben, meinen Platz zu finden und meinen Weg zu gehen/rollen. Ich habe Jura studiert und als Anwältin gearbeitet, habe Sport getrieben und bin mit dem Basketball 1988 bis nach Seoul gekommen. Bis hierhin ist die Geschichte noch so, wie man sie gerne sieht.

Aber dann habe ich etwas gemacht, was auch heute nur am Rande und mit Staunen wahrgenommen wird, ich habe eine Familie gegründet und zwei Kinder bekommen. Und nun drehte sich mein Blickwinkel und der meiner Umgebung. Nun suchte ich nicht Kindergarten und Schule für ein behindertes Kind, sondern für eine behinderte Mutter, die ihre gehenden-Kinder auf ihren Lebenswegen begleiten möchte. Dass Gebäude nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für Angehörige zugängig sein sollen, wir meistens in den Hintergrund gestellt. Das Glück, die Kinder auf die Schule ihrer Wahl zu schicken, haben nicht viele Eltern mit Behinderungen. Meine Kinder gingen und gehen auf meine alte Schule und ich kam zurück in die bekannten Gebäude und kann an allen Veranstaltungen der Schule teilnehmen – meistens. Im Unterstufengebäude fehlt immer noch ein Aufzug zum Saal und der Aufzug im Oberstufengebäude ist mittlerweile sehr altersschwach. Aber sonst sind die Gegebenheiten so gut, dass ich dort viele Stunden ehrenamtlich für den Förderverein tätig sein kann und auf dieser Weise der Schule etwas zurückgeben kann.

Auf diesen Aspekt, der Zugängigkeit aller Gebäude und Räume für Menschen mit Stock, mit Rollator, im Rollstuhl aber auch mit Kinderwagen aller Größen, muss beim Bau von Schulgebäuden mehr Aufmerksamkeit gelegt werden. So ist auch die Freie Waldorfschule Itzehoe, obwohl neueren Baudatums, für diese Gruppe erst aufgrund des Unfalls von Tim Emil zugängiger geworden. In wie vielen Schulen müssen noch erst Schüler verunglücken bevor eine Anpassung erfolgt. Die Schulwahl erfolgt in erster Linie auf der Grundlage, ob die baulichen Gegebenheiten bereits vorliegen. Dadurch ist aber das Interesse am künftigen Besuch seitens behinderter Schülern oder  behinderter Angehöriger an dieser Schule von vornherein regelmäßig ausgeschlossen. Schade!

Schade, dass es die Bewegung der Integration und Inklusion – bitte nicht um Worte streiten – bedarf, um auch nur den Gedanken an Teilhabe aller Menschen am Leben ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Aus Gleichheitsgründen soll Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden. Dabei wird aus einem »Recht auf Teilhabe« schnell eine »Pflicht auf Teilhabe«, weil man es ja so gut mit uns meint und wir nicht undankbar sein dürfen. Aber allein behindertengerechte Gebäude machen nicht alle Schüler gleich. Es wird nicht berücksichtigt, dass die schulischen Bedürfnisse behinderter Kinder so  unterschiedlich sind wie ihre Behinderungen selbst. Die baulichen Gegebenheiten können den Schulbesuch einer Regelschule  vielen behinderten Kindern ermöglichen, die ihre Schulzeit dort erfolgreich durchlaufen. Doch für viele behinderte Kinder reicht das nicht. Ihre Bedürfnisse werden dadurch allein nicht gedeckt und wenn sie dennoch eine Regelschule besuchen müssen, wird hier Ungleiches gleich behandelt. Darüber sollte wieder verstärkt nachgedacht werden.

Für Tim Emil wird die Schulzeit in der alten Klasse und der gewohnten Umgebung sehr hilfreich sein und seine Jahre dauernde Rehabilitation unterstützen. Und dann wird er vielleicht auch eines Tages mit seinen Kindern an seine alte Schule zurückkehren. Keep on rolling, Tim Emil!

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