Produziert Waldorf Siegertypen?

Von Henning Köhler, September 2014

Ich will von zwei Familien mit je zwei Kindern berichten, deren Lebensstile und Erziehungsauffassungen unterschiedlicher kaum hätten sein können.

Familie L., in bescheidenen Verhältnissen lebend, war eine »Waldorf-Familie«. Das besagt, für sich genommen, noch nicht viel, man kann anthroposophische Erziehungsgrundsätze vertreten und trotzdem (oder gerade deshalb) fürchterlichen Bockmist bauen. Doch diese Eltern machten unserer Pädagogik wirklich alle Ehre.

Wie liebevoll, umsichtig und engagiert sie das Leben mit den Kindern gestalteten, ohne soziale Wärme mit Verhätschelung zu verwechseln, verdiente Bewunderung. Beide stimmten übrigens darin überein, dass Kinder viel Zeit zum Spielen brauchen, vorzüglich in freier Natur; und dass es tragisch ist, wenn schon im Bewusstsein der Sieben-, Acht-, Neunjährigen die Worte Spielen und Lernen grundverschiedene Bedeutungen haben.

Familie S. gehörte der von Abstiegsangst geplagten wohlhabenden Mittelschicht an. Vater wie Mutter verfolgten ehrgeizige berufliche Ziele, denen sie alles andere unter-

ordneten. Der Erziehungsstil war autoritär, leistungsbetont, pragmatisch: eine komfortable Variante der Kindesvernachlässigung. Äußerlich lief alles wie am Schnürchen, die Fassade glänzte, der Rubel rollte, doch das Kostbarste fehlte: Geborgenheit. Die Geschwister wussten, was man von ihnen erwartete, und hielten sich daran: Sie hatten zu funktionieren, vor allem in der Schule. Natürlich war auch die »Freizeit« durchgeplant (Tennisstunden, Gesangsunterricht, Reiten), und das investierte Geld sollte gefälligst auch Resultate erbringen.

Beide Kinder von Familie L. galten als Sorgenkinder. Der Junge war extrem verträumt, wurde mehrfach psychologisch untersucht, erhielt diverse Therapien, experimentierte als Jugendlicher mit Drogen, schaffte nur den Hauptschulabschluss, brach zwei Lehren ab, absolvierte lustlos einige Praktika, bis er schließlich im Beruf des Landschaftsgärtners Erfüllung fand. Das hoch sensible Mädchen litt jahrelang unter Anorexia nervosa, brach die Schule ab, holte später den mittleren Abschluss nach und wurde Buchhändlerin. Noch heute gerät sie immer wieder in seelische Krisen, fängt sich aber allmählich.

Die Kinder von Familie S., ebenfalls ein Junge und ein Mädchen, gaben ihren Eltern nie Anlass zur Sorge, machten das Abitur mit links, legten glänzende Studienabschlüsse hin, wirken heute stabil und selbstbewusst. Sie ist Kunsthistorikerin, er Rechtsanwalt.

Angenommen, Frau und Herr L. zögen nun, mit einem neidischen Seitenblick auf Familie S., das Resümee, ihre ganze Mühe sei umsonst, vielleicht verfehlt gewesen – was würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, antworten? Ein Vorschlag: »Waldorfpädagogik erhebt nicht den Anspruch, die Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft mit Siegertypen zu beliefern. Wir sind von einem tieferen Ethos als dem des bravourösen Verlaufs der äußeren Dinge geleitet.«

Siehe dazu auch den Leserbrief: »Siegertypen und tieferes Ethos« und Henning Köhlers ausführliche Erwiderung darauf

Kommentare

Henning Köhler, 05.11.14 15:11

Liebe Frau T.,

in dem Artikel ist nirgends die Rede davon, es sei »in Ordnung«, wenn z.B. ein junges Mädchen unter Magersucht leidet. Das muss man erst hineinlesen. Ich weise nur am Beispiel zweier Familien auf ein Erkenntnisproblem tieferer bzw. höherer Ordnung hin.
In der ersten Familie bekommen die Kinder alles, was sie emotional und sozial brauchen, und trotzdem treten erhebliche Probleme auf. In der zweiten Familie werden die Kinder emotional und sozial vernachlässigt, doch alles scheint (ich betone: scheint!) prächtig zu laufen. Die liebe- und verantwortungsvollen Eltern werden begreiflicherweise in heftige Zweifel gestürzt: War alles umsonst?

Nun frage ich: Was würden wir ihnen antworten? Und eine erste, gewiss etwas provokante Antwort lautet: Dass die lieblos erzogenen Kinder, äußerlich betrachtet, bestens funktionierten und Karriere machten, ist jedenfalls kein Maßstab.
Denn recht verstandene Pädagogik folgt einem tieferen Ethos als etwa dem der »Tiger-Mum« Amy Chua, deren unsägliches Buch den Untertitel trägt: »Wie ich aus meinen Kindern Sieger machte.« –

So steht also meine Frage im Raum: Welche tröstenden und zugleich erhellenden Gedanken könnte man jenen wunderbaren, aber tief verunsicherten Eltern, die alles sehr gut machten und trotzdem erleben mussten, dass sich ihre Kinder so schwer taten im Leben, anbieten – ausgehend von einer profunderen Betrachtung menschlicher Lebensläufe als der primär an gesellschaftlichem Erfolg orientierten? Eine weitere Frage spielt da, unschwer erkennbar, hinein: diejenige nach dem Schicksalsrätsel. –

Was ich eigentlich anstoßen wollte mit der umstrittenen Kolumne, haben nur wenige verstanden, und das ist natürlich auch meine Schuld. Der provokante Schlusssatz schreckte viele dermaßen auf, dass sie den restlichen Text gar nicht mehr richtig lasen, sondern alles Mögliche hineininterpretierten. Bei Facebook steht der Kommentar einer Leserin, die sofort wusste, worauf ich hinauswollte. Sie schreibt: »Das erinnert mich an Janusz Korczak: Jedes Kind hat das Recht auf den eigenen Tod.« Ein rätselhafter Satz, der uns zu spiritueller Bescheidenheit mahnt: Wir sind keine Götter! Wir haben keine Macht über die Lebenswege der uns anvertrauten Kinder. Aber Korczak sagte auch: Jedes Kind hat das Recht auf den heutigen Tag. (Jedes Kind hat jeden Tag das Recht auf uns! Komme, was da wolle.) –

Ja, so hat sich nun, abgesehen von dem Facebook-Kommentar, niemand zu meiner eigentlichen Frage geäußert. Sie ist glatt unter den Tisch gefallen. Für das tiefere pädagogische Ethos scheint sich irgendwie niemand zu interessieren. Es heißt immer nur, ich würde mich hinter dieser Formulierung »bequem wegducken« (vor was auch immer). Viele tun so, als hätte ich in der Kolumne ein Szenario konstruiert, das es in Wahrheit gar nicht geben könne. Wie illusorisch!

Ich hoffe, Ihnen ein wenig weitergeholfen zu haben.
Mit freundlichen Grüßen
Henning Köhler

PS: Online finden Sie auch erläuternde Ausführungen von mir zu einigen empörten Zuschriften, sowohl unter der Kolumne als auch unter Leserbriefe. Auf die Kritik im November-Heft (Printausgabe) antworte ich im Dezember.

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