Projekt Medientag. Wie eine Schulgemeinschaft medienkompetent wird

Von Ulla Bunsen, Ingrid Baum, Thomas Bittger, Peter Adler, Dezember 2009

Die Freie Waldorfschule Westpfalz in Otterberg hat versucht zu zeigen, was Handys und Computer heute können und wie sie die Welt verändern. Eltern, Schüler und Lehrer entwickelten gemeinsam das Konzept für einen Medientag, der Gelegenheit gab, Erfahrungen mit den neuen Medien zu machen. Die Schulen in Backnang und Prien haben inzwischen ebenfalls einen Medientag veranstaltet, der auf große Resonanz stieß. Wir veröffentlichen hier einige Beispiele aus dem Gesamtbericht, den Uwe Buermann für uns zusammengestellt hat.

Seillaufen ist viel schwieriger. Medientag in Otterberg

Noch kaum die Regeln verstanden – und schon abgeschossen

Um ein möglichst vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen, wurde sowohl in den Oberstufenklassen als auch in der Eltern- und Lehrerschaft nach interessierten »Experten« gesucht, die bereit waren, fachkundig in ein Thema einzuführen. Solche Experten zu finden, war erstaunlich einfach. Jeder Themenbereich wurde von mehreren Personen betreut, es gab überall die Möglichkeit des Ausprobierens und des Gesprächs.

Im »Erwachsenenbereich« wurden sowohl die Egoshooter-Spiele als auch das Thema Pornographie im Internet von Oberstufenschülern vorgestellt. Hier war ich besonders beeindruckt von der Atmosphäre, die in Gesprächen mit Schülern zu dem heiklen Thema Pornographie und Gewalt entstand. Ich erlebte von Schülerseite eine sehr ernsthafte, der Brisanz des Themas angemessene Darstellungsweise und im Austausch eine Offenheit und Aufmerksamkeit, die ein persönliches Gespräch jenseits der sonst hemmenden Rollenbarriere zwischen Schülern und Lehrern ermöglichte. Das hat mich im Nachhinein noch lange beschäftigt.

Bei den Computerspielen dagegen erlebte ich stark, wie sehr die geübten Spieler, meist Schüler, in die Spielwelt hineingezogen wurden und mit welch offensichtlicher Freude sie die ungeübten Gegner, meist Lehrer, über den Tisch zogen. Bevor man die Regeln des Spiels auch nur ansatzweise verstanden hatte, war man meist schon ausgeschieden, weil abgeschossen.

Thematisch hat mich am meisten der Bereich der Bildbearbeitung mit seinen Möglichkeiten der Schaffung einer künstlichen Realität beeindruckt. Was macht es mit uns, wenn wir durch das geschönte Bildmaterial in Zeitschriften oder in Filmen stets Menschen vor Augen geführt bekommen, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt? Welchen zweifelhaften Idealvorstellungen wird da Raum gegeben, welches Menschenbild steht dahinter? Was macht eine derartige Suggestion mit jungen Menschen, die noch auf der Suche nach sich selbst sind? Und wie viel nehme auch ich unbewusst an von den Werturteilen, die in den Bildern stecken?

Ulla Bunsen, Klassenlehrerin der 4. Klasse.

Vom Spinnrad in die WII-Station

Als begeisterte Handarbeiterin stehe ich der modernen Computertechnik eher skeptisch gegenüber. Jede Nadel, jede Nähmaschine, jedes Spinnrad ist mir lieber als irgendein Computerspiel. So machte ich meine allererste Erfahrung mit dieser für mich neuen Technik am Medientag in unserer Schule. Wenn ich es mir genau überlege, spielte ich eigentlich meinen Schülern zuliebe mit, um den Kindern einen Gefallen zu tun. Denn sie freuen sich besonders darüber, wenn sie etwas besser können als ihre Lehrerin.

So durfte ich per Computerspiel über das Hochseil balancieren: Ein Erlebnis der besonderen Art! Denn so sehr ich mich auch bemühte und anstrengte, die Technik reagierte nicht so, wie ich es mir wünschte und wie ich es erwartete. So kam, was kommen musste: Ich stürzte ab! Natürlich nicht ich selbst, sondern die grinsende Computerfigur im Spiel. Die Freude der Kinder war groß. Doch ich fühlte mich in meinem Vor-Urteil bestätigt: Die Simulation war sehr unrealistisch. Ich bin nämlich gewohnt, Einfluss auf die von mir benutzte Technik zu nehmen, weil ich weiß, wie sie einzusetzen ist. Bei meinem Spinnrad zum Beispiel sehe ich genau, wie es funktioniert und wie die Einzelteile zusammenspielen. Dagegen durchschaue ich die »Knopfdrucktechnik« des Computerspiels überhaupt nicht und kann deshalb auch nicht korrigieren. Durch die Betätigung einer Taste, oder noch schlimmer, wie hier, durch das schlichte Ausbalancieren auf dem Balance-Board, konnte ich nicht differenziert genug handeln. Das Fingerspitzengefühl, Grundlage einer jeden Handarbeit, war hier überhaupt nicht gefragt, auch das reflexartige Ausbalancieren mit den Armen führte zu keinem Erfolg. Dieses Spiel hat mich deshalb nicht überzeugen können.

Ingrid Baum, Lehrerin.

Bogenschießen statt Moorhühner killen

An einer der Stationen mussten virtuell Moorhühner erlegt werden, bevor man mit echten Pfeilen auf eine Zielscheibe schoss. Hunderte von Moorhühnern mussten zuvor ihres gepixelten Daseins beraubt werden, bevor der Pfeil die zischende Sehne im ballistischen Halbrund verlassen durfte.

Glitten die ersten Pfeile unserer Besucher ins florale Grün, bedurfte es aufbauender Zurede unsererseits, um die zweite Pfeiltriade dem zuvor verfehlten Ziel nahezu­bringen. Allein das Pfeilauflegen war für manche eine Herausforderung. Dreimaliges Schießen wurde zur Anstrengung.

Das innere Erleben der Teilnehmer beim Bogenschießen konnte ja nicht Gegenstand der Beobachtung werden. Wer es erlebt hat, kennt jedoch das unbeschreibliche Glücksgefühl beim Bogenschießen, wenn es gelingt, das Auflegen des Pfeils, das Beobachten des Ziels, das Spannen der Sehne, das »Ankern«, das »instinktive« Erfassen des Ziels, das Lösen der Sehne und die Beobachtung des Pfeilflugs samt Herausziehen des Pfeils aus dem Ziel als ein Gesamtereignis zu erleben.

Wenn ich mich zurückerinnere an die elend darnieder sinkenden Moorhühner, die Enge vor dem Bildschirm und im Moorhuhn-Schießraum überhaupt, die Härte des Schulstuhls und den leichten Druck auf den Augen, der sich am Laptop einstellte, die Verspannung im Nacken, die gewisse Leere, die in mir hochstieg, alles das führte zu dieser eigenartigen Dissonanz in mir, der ich die feuchte Luft und die Wirkungen an unserem Outdoor-Medien-Stand vorzog.

Thomas Bittger, Lehrer.

Ein Polizist sagt, was verboten ist

Ein Schülervater, der Polizist ist, informierte Eltern, Schüler und Lehrer über die rechtlichen Seiten und Konsequenzen des Medienmissbrauchs.

Einige Funktionen, die Computer, Handy & Co. bieten, werden für Zwecke benutzt, die rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können. Das geschieht zumeist ohne das Wissen der Eltern und oftmals auch ohne das Wissen der Kinder, dass das, was sie mit den Geräten tun, verboten ist.

Schnell und unspektakulär lassen sich Dateien übertragen. So wird das Handy im Handumdrehen auf dem Schulhof oder im Bus zur Tauschbörse für Musik oder Videoclips, obwohl die übertragenen Dateien in der Regel urheberrechtlich geschützt sind. Verstöße gegen das Urheberrecht können nicht nur strafrechtlich verfolgt werden, sondern ziehen unter Umständen auch empfindliche Schadensersatzforderungen nach sich. Dies gilt natürlich in gleichem Maß für das Laden auf den heimischen PC. Hier haben sich neben den legalen Portalen, bei denen das »Downloaden« kostenpflichtig ist, auch Tauschbörsen gebildet, in denen die Nutzer von anderen Computern Musik und Filme über das Internet laden und im Gegenzug eigene Dateien zur Verfügung stellen (sogenanntes »Filesharing«) und diese an einen unüberschaubaren Personenkreis verbreiten. Die Musik- und Filmindustrie ist dazu übergegangen, Schadensersatz einzuklagen. Hier wurden schon bis zu sechsstellige Forderungen erstritten, die eine Familie an den Rand des finanziellen Ruins bringen können.

Ein besonders unerfreuliches Phänomen im Bereich des Filmens und Fotografierens mit Handy ist das sogenannte »Happy Slapping«, bei dem gefilmt wird, wie zum Beispiel Mitschüler verprügelt werden. Diese Videoclips werden dann ebenfalls untereinander getauscht und verbreitet oder gar für jeden zugänglich ins Internet gestellt. Hier liegt, neben den entsprechenden Körperverletzungsdelikten, eine weitere Straftat vor: Der Gesetzgeber untersagt die Gewaltdarstellung ausdrücklich und dies gilt insbesondere auch für die Verbreitung, also die Weitergabe solcher Filme untereinander.

Generell ist der Austausch von Dateien mit jugendgefährdenden Inhalten, so auch mit pornografischen Werken, durch die multifunktionellen Mobiltelefone und leistungs­fähigen PCs deutlich vereinfacht worden. Es ist strafbar, pornografisches Material an Personen unter 18 Jahren weiterzugeben.

Es liegt in der Verantwortung der Eltern, ihren Kindern nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Gefahren, die aus der missbräuchlichen Nutzung dieser Geräte entstehen können, aufzuzeigen und zu erklären. Es ist Aufgabe der Eltern, den Schützlingen den verantwortungsvollen Umgang mit Handy und Co. vorzuleben und von ihrer missbräuchlichen Nutzung Abstand zu nehmen.

Peter Adler, Polizeioberkommissar und Schülervater.

Weitere Informationen unter: www.fws-otterberg.de

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