Rätselhaft

Von Ute Hallaschka, Mai 2021

Wer sich für Anthroposophie interessiert, der kann zwei Quellen aufsuchen. Die Texte Rudolf Steiners sind das eine und das andere sind Anthroposophen. Dies hält sich die Waage in der Wirklichkeit, obwohl es sich um zwei grundverschiedene Zugangswege der Information handelt.

Es gibt also gute Gründe, sich zu fragen: Anthroposophen, was sind das für Leute? Dazu liegt nun ein Buch vor. Lorenzo Ravagli hat in langjähriger Arbeit eine Dokumentation verfasst.

Das Besondere daran: Hier spricht sie sich selbst aus. Es handelt sich um interne Gesprächsprotokolle und schriftliche Zeugnisse ihrer Mitglieder. Dies ermöglicht im Lesen einen authentischen Blick nach innen. Was sich im Innern der Entwicklung dieser anthroposophischen Gesellschaft zeigt, ist sowohl erschütternd als auch tragikomisch – auf jeden Fall aber eins: menschlich-allzumenschlich! Das wiederum – so könnte man ganz ohne Sarkasmus bemerken – ist ein Indiz dafür, dass es sich um eine freie Gesellschaft handelt. Sie kloppen sich wie die Kesselflicker. Sie verraten, enttäuschen, betrügen einander – Liebe, Lust Leid, Eifersucht, Hass, es kommt alles zur Sprache, was die menschliche Egoität ausmacht. Aber so sieht Freiheit eben auch aus und so fühlt es sich an, wenn kein ideologisches Muster und kein sittlicher Automatismus dem einzelnen die Mühe abnimmt, sich selbst zu erziehen. Aus freien Stücken, aus Einsicht ins eigene charakterliche Elend.

Anthroposophie ist ein Weg der Selbsterkenntnis. Dazu gibt es hier reichlich Gelegenheit. Ravagli vermeidet jede Schlüssellochperspektive und hat gewiss keine Soap, sondern eher ein griechisches Drama geschrieben.

Aber brauchen wir das wirklich? 500 Seiten Selbststudium anthroposophischen Entwicklungslebens? Und Band 1 sollen ja noch zwei weitere folgen ...

Und wie wir das brauchen! Es könnte nichts aktueller sein, als am historischen Beispiel die strukturelle Lagerbildung nachzuvollziehen. Wie es technisch vor sich geht, dass immer wieder zwei Parteien sich bilden, die sich bald mit erbitterter Feindschaft gegenüberstehen. Oft genug mit der bekannten verrückten Folge, dass der Feind des Feindes zum Freund wird und umgekehrt.

Die aktuelle Arbeit an diesem Werk könnte man geradezu Friedensforschung nennen. Darüber hinaus ist es spannend zu lesen und an jeder beliebigen Stelle zum Einstieg geeignet. Ein Textgewebe, das nach allen Seiten Umschau hält. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre, für alle, die das Rätsel beschäftigt, welches der Mensch dem Menschen ist.

Lorenzo Ravagli: Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert, Band 1, Von den Anfängen bis zur zweiten großen Sezession 1875-1952, 517 S., geb., EUR 58,–, hrsg. v. der Ernst-Michael-Kranich-Stiftung, Glücksburg, Glomer.com, Sauldorf-Roth 2020.

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