Rätselraten

Von Sylvia Bardt, Dezember 2012

Mit dem Titel, der auch der Anfang eines der Rätsel ist, erweckt die Autorin Neugier. In aktivem Tun muss der Rater die Summe der gegebenen Anregungen zu einem neuen Ganzen zusammenschmieden. Eine eigenartige Polarität von Tätigkeiten wird verlangt: exaktes, logisches Denken muss verbunden werden mit lebendiger exakter Phantasie. Wer sich diesem Spiel hingibt, wird leicht in den Strudel leidvoller oder erhebender Selbsterkenntnis gerissen. Leidvoll, weil die Lösung sich nicht finden lassen will; wir bleiben blind und resignieren. Oder aber – wir wissen nicht woher und warum – plötzlich taucht die Lösung auf. Erika Beltle ist eine lebendig und klar denkende Dichterin. Die Lösungen sind durch die Exaktheit der Bilder und Worte eindeutig. Suchendes Denken furcht oft die Stirn, nicht aber, wenn sich die Phantasie mit dem Denken zusammentut; dieses Paar malt immer ein Lächeln auf die Gesichter oder löst einen befreienden Seufzer beim erfolgreichen Rater aus. Der Wert des Rätselratens ist vielfältig. Wir tun uns selber einen Gefallen damit, denn Rätselraten erfrischt. Für unsere Zeit ist es geradezu ein Vademekum: Rätsel sind Geheimnisse, die auf »Lüftung« warten. Immer steht die Frage vor uns: Was steckt hinter dem Wortbild, was steckt in der Nuss? Für jeden Menschenfreund stellt sich dauernd die Frage nach dem Rätsel des Gegenübers. Sei es das Kind: »Wer bist du wirklich?« Friedrich Hebbel sagt: »Kinder sind Rätsel von Gott«. Sei es der Partner, der Kollege, der Freund, den man schon so lange zu kennen scheint. Es macht Freude, Rätsel zu raten. Sie sind Etüden für das Lesen der Geheimnisse der Welt. So nehmen wir den siebten Rätselband von Erika Beltle dankbar in die Hand – violett mit drei goldgeprägten Singschwänen. Diese Rätsel sind jung. Sie sprechen den Werdenden in uns an und laden uns zur eigenen Erbauung und zur geselligen Raterunde ein. 

Erika Beltle: Eine Summe ist’s und auch ein Tun: 100 neue Rätsel für Neugierige, geb., 112 S., EUR 10,90, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2012

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