Rastlose Pädagogin

Von Susanne Becker, Margarete Gaida-Lange, Januar 2011

Susanne Becker im Gespräch mit der weltreisenden Erzieherin Margarete Gaida-Lange in Windhoek/Namibia

Susanne Becker | Frau Gaida-Lange, was hat Sie von zuhause fort getrieben?

Margarete Gaida-Lange | Nachdem ich mit Anfang 40 meine zweite Stelle als Waldorf-Erzieherin angetreten hatte, habe ich mich gefragt: »Ist das jetzt alles? Soll das mein Leben gewesen sein?« Meine Kinder lebten nicht mehr zu Hause und da habe ich zu meinem Mann gesagt: »Lass uns doch eine Reise machen. Ich möchte mir gerne anschauen, wie das in anderen Ländern in Waldorfkindergärten ist.« 

SB | Und dann gingen Sie gleich auf Weltreise?

MGL | Wir haben alles abgeschlossen. Mein Mann und ich hatten jeder einen Koffer und ein Jahresticket durch die Welt. Wir haben in Los Angeles angefangen und von dort aus sind wir zu den Fidji-Inseln gereist. Da gab es natürlich keinen Waldorfkindergarten, aber die brauchen auch keinen. Danach ging es nach Brisbane in Australien, wo ich im Waldorfkindergarten ein Jahr lang ehrenamtlich mitarbeitete. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt. In Australien bekam ich kein Visum mehr. Da kam aus Singapur eine Anfrage von einer Elterninitiative, ob ich helfen könne, einen Kindergarten aufzubauen. Kurzentschlossen, ohne mir unter Singapur wirklich etwas vorstellen zu können, sagte ich zu. Auf dem Flughafen sagte ich zu meinem Mann: »Zwei Tage, länger bleibe ich hier nicht.« Die Stadt ist riesig, zwei Millionen Menschen, alles total schnell, alles auf Hochglanz poliert. Es gibt kaum Freiräume für die Menschen. Das System ist sehr starr. Aber ich habe gemerkt, dass gerade diese Kinder Waldorfpädagogik brauchen, mehr vielleicht als anderswo. Die Kinder sind dort sehr technisiert, sie dürfen nicht Kind sein. Sie stehen morgens mit Fliege und weißem Hemd wie kleine Erwachsene im Kindergarten und dürfen sich nicht schmutzig machen. Wir haben acht Jahre dort verbracht, den Kindergarten aufgebaut und den Eltern und Kindern beigebracht, wie man spielt. 

SB | Warum gibt es in Singapur Eltern, die ihre Kinder in einen Waldorfkindergarten schicken?

MGL | Weil gerade junge Eltern für ihre Kinder doch etwas anderes suchen. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder mit vier Jahren schon ihr erstes Examen machen und mit zwölf unter dem Leistungsdruck zusammenbrechen. Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, bis die Kinder endlich begonnen haben, zu spielen und zu bauen. Draußen habe ich sie dann mal mit Wasser bespritzt, damit sie dreckig wurden. Die Eltern waren empört: »Das geht nicht« – und ich habe gesagt: »Doch, das geht, das gehört dazu«. Die Kinder fanden es auch toll und so ging es weiter und weiter, bis irgendwann eine Warteschlange entstand. Besonders schön war es zu sehen, dass irgendwann auch die Eltern mitgemacht haben. 

SB | Die Eltern haben ihr Leben durch den Einfluss der Waldorfpädagogik verändert?

MGL | Es gab Frauen, die wollten lernen, was es mit der Waldorfpädagogik auf sich hat. Selbst Frauen, die fünfundzwanzig Jahre bei einer Bank gearbeitet hatten, haben ihren Job hingeschmissen, um Erzieherin zu werden. In Bangkok am Seminar wurden sie in Theorie unterrichtet und bei uns hatten sie die Praxis. Der Kindergarten existiert bis heute.

Nach acht Jahren wollte ich dann eigentlich zurück nach Deutschland, um mit meinen Enkelkindern zusammen sein zu können. Aber nach einer Weile hat es wieder an mir gezogen. Wieder kam die Frage: »Das soll’s gewesen sein?« Zwischendurch hatte ich schon mehrfach Kenia besucht, wo mein Freund eine Waldorfschule leitet, und habe dort ausgeholfen. Da lebte also schon der Wunsch, nach Afrika zu gehen. Irland? Mexiko? Namibia? – Es war schnell klar: Mein Herz schlägt für Namibia. Also habe ich alles andere abgesagt. Der Kindergarten in Windhoek existiert schon seit etwa 1992 und ist seit einigen Jahren in den Räumen der Christengemeinschaft untergebracht. Es gibt zwei Gruppen­leiterinnen, die sich die Leitung des Kindergartens teilen. 

SB | Wie wird der Kindergarten finanziert?

MGL | Fast ausschließlich von den Elternbeiträgen und ein wenig durch Spenden über die »Freunde der Erziehungskunst« in Deutschland. Wenn wir zu Jahresanfang wissen, wie viele Beiträge gezahlt werden, können wir durchrechnen, was wir brauchen. Dann entscheiden wir, wie viele Kinder wir nehmen, deren Eltern keine Beiträge zahlen können. Und Spenden werden leider eben doch nach dem Motto: »weiß nein, farbig ja« verteilt. Wir hatten einmal eine Gruppe aus Finnland da, die uns unterstützen wollte. Die holten sich dann die farbigen Kinder aus der Gruppe und wollten nur von ihnen ein Foto machen, um die Spendenfreudigkeit anzuregen. Da habe ich gesagt: »So geht das nicht. Zu uns gehören alle Kinder.« Da sind sie wieder abgezogen. 

SB | Ist Waldorfpädagogik in Namibia anders als in Deutschland?

MGL | Das kommt darauf an, wie eine Gruppe sich hier zusammensetzt, wie viele Deutsche in der Gruppe sind und aus welchen Volksgruppen die afrikanischen Kinder stammen. Unsere Gruppe ist gemischt, also kommt es vor, dass wir im Märchenkreis trommeln und dazu Geschichten erzählen. Da gibt es dann schon Leute, die fragen, ob das noch Waldorf ist. Aber wir sind eben nicht in Wuppertal, sondern in Windhoek. Also gehört es dazu.

Obwohl es ein deutschsprachiger Kindergarten ist, versuche ich auch, mit den Kindern Lieder oder Fingerspiele auf Englisch zu machen. Man muss allen Kindern das Gefühl geben, dass ihre Sprache und ihre Kultur bei uns zählen.

Waldorfpädagogik ist international. Man kann nicht das deutsche Schema überhall hinschleppen. Man muss sich anpassen können. Ich habe auch Puppen genäht, die eine afrikanische Familie darstellen. Dazu erzähle ich eine Geschichte, mit einer Hütte und Ziegen ... die Kinder lieben das. Für die Kinder hier ist das normal. Auch die deutschen Kinder leben schließlich in Afrika. Da kommt es vor, dass sich dann ein deutsches Mädchen zum Geburtstag ein Damara-Lied wünscht.

Folgen