Raum für Phantasie statt Notfallpläne

Von Ulrike Linnemann, März 2021

»Weißt Du, wie Du Gott zum Lachen bringen kannst? Erzähl ihm Deine Pläne«. – Dieses Zitat hat mir als Lehrerin in den jetzigen Zeiten, in denen auch in Sachen Schule und Unterricht nichts mehr wirklich planbar ist, immer den frischen, erholsamen Wind des Abstands in mein Denken gebracht.

Bild: © Monika Obser

Vollkommen unabhängig davon, ob man für sich persönlich den täglich aktualisierten Statistiken zu Inzidenzen (und Sterblichkeitsraten) einen hohen oder niedrigen Stellenwert beimisst, ist man im Rahmen seines beruflichen Auftrags doch im Hamsterrad der notwendigen Reaktionen im Sinne von Handlungskonzepten gefangen. Auch grundsätzlich kompromissbereite Menschen kommen in dem permanenten Spagat zwischen staatlichen Verordnungen und dem, was sie pädagogisch und psychologisch für sinnvoll halten irgendwann an den Punkt, sich als Opfer der Umstände zu fühlen. Die Hoffnung darauf, dass das alles irgendwann mal ein Ende hat, stirbt vielleicht zuletzt. Was aber mehr und mehr verloren zu gehen droht, ist die Authentizität, die Kraft und auch wohl der Wille, das Leben mit den Schülerinnen und Schülern sinnvoll zu gestalten. Die Haltung – »wir müssen da jetzt irgendwie durch und darum eben Kompromisse machen, die unseren Idealen zuwiderlaufen« – lähmt die Kraftquelle der Lehrer, aus der ihre Pädagogik eigentlich lebt: den Willen, die Zukunft zu gestalten.

Solange wir in dem Gefühl verharren, dass der Spuk irgendwann vorbei sein wird und wir so weiter machen können wie vorher, verschließen wir die Türen zu unserem Zukunftsbewusstsein. – Werden wir damit den Kindern und Jugendlichen, von denen die Gestaltung einer besseren Zukunft abhängt, gerecht? Nein!

Gibt es vielleicht gerade in dieser Zeit die Chance, Zukunft anders zu denken und hier und jetzt die ersten Schritte auf den Weg dahin zu machen? Ja! »Durchdringe dich mit Phantasiefähigkeit. Habe den Mut zur Wahrheit. Schärfe dein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit.« Diese Werte wurden den Pionieren der Waldorfschulbewegung zum Abschluss des ersten Lehrerkurses 1919 von Rudolf Steiner ans Herz gelegt. Können wir sie heute nach 100 Jahren neu verwirklichen? Ruft die allgemeine Situation uns nicht geradezu dazu auf?

Phantasiefähigkeit: Fällt uns etwas Besseres ein, als die Eurythmie, die Bothmergymnastik und den Sportunterricht – verordnungsgemäß – einfach ausfallen zu lassen? Wo sind die kreativen Kollegen, die ihr Fach aus dem »business as usual« befreien und seine gesundheitsstärkenden Qualitäten nun zum Beispiel an der frischen Luft oder in anderen Konstellationen gestalten? Und wo sind die Kollegien, die das unterstützen?

Delegieren wir die Eltern unserer Schüler zur Ausführung alter Konzepte an Drucker und Küchentische, indem wir gleiche Texte und Arbeitsblätter für alle verschicken, im Zustand der vollkommenen Unwissenheit darüber, in welcher Interessenwelt die Kinder gerade leben? Motivierte Kollegen verschicken vielleicht sogar Anleitungen für einen Bewegungs-Parcours im Wohnzimmer – aber schon mit der Auflistung der dazu notwendigen Gegenstände scheitern sie an ihrer Phantasiefähigkeit für die individuellen Umstände.

Auch für den »Mut zur Wahrheit« ist es an der Zeit, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Mutig wäre es jetzt, sich – vielleicht sogar mit Unterstützung der Eltern – auf eine Forschungsreise nach der Wahrheit in die Erfahrungswelt der Kinder zu begeben. Was beschäftigt sie gerade? Was verstehen sie nicht? Was verstehen sie vielleicht sogar besser als wir? Können wir Fragen stellen, deren Ergebnisse wir nicht voraussehen? Sind wir bereit, selbst zu lernen und den Kindern die Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse zuzugestehen, oder entwickeln wir weiter kluge, »lernzielorientierte« Ideen für das »selbstverantwortliche Lernen« in Klassenzimmern, auch wenn sie leer sind? Haben wir den Mut, mit den Kindern gemeinsam Lernanlässe zu entdecken und Situationen zu schaffen, in denen sie auch voneinander lernen können? Sind wir bereit, auf diesem Weg vielleicht neue Wahrheiten zu entdecken, die in keinem Curriculum stehen? Das wäre echtes Homeschooling, also Lernen zu Hause, statt ein Transfer der Schule in die Elternhäuser.

Keine Zeit zuvor hat uns so sehr dazu aufgerufen, unser »Gefühl für seelische Verantwortlichkeit« zu schärfen wie diese. Fordern wir das Verantwortungsgefühl der Kinder für andere ein, während wir selbst nicht wirklich verantwortungsbewusst mit ihren seelischen Bedürfnissen umgehen dürfen? Wir loben sie dafür, dass sie so sozial sind, während wir als Gesellschaft ihnen alle Möglichkeiten in gesunden, normalen sozialen Umständen zu leben, vorenthalten. Können wir den Zwängen, die dies von uns fordert, etwas Positives entgegensetzen, indem wir ihnen zum Beispiel dafür danken, dass sie einmal die Zukunft der Erde gestalten werden und ihnen Motive und Anregungen dafür geben?

Dem Lehrplan der Freien Waldorfschulen liegt ja eine weitreichende Achtung vor der Natur, der Umwelt und den Menschen zugrunde, die nur darauf wartet, noch intensiver als bisher aus dem Dornröschenschlaf des Theo­retischen in echtes erfahrbares Tun erweckt zu werden.

Die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung der UN-Agende 2030 können dafür die Stichworte geben. Praktisch könnte in der Mittelstufe zum Beispiel jetzt im Rahmen des Distanzlernens ein Ideenwettbewerb zum Thema Umweltschutz und Müllvermeidung ausgeschrieben werden, in dem die Schülerinnen und Schüler kleine Recyclingprojekte in Haus und Hof entwickeln. Für die »Sustainable Goals« im Rahmen des Sozialen könnte es Forschungsaufträge zu den Lebensumständen von Kindern in aller Welt geben und gemeinsam nach Zusammenhängen mit unserem Konsumverhalten gesucht werden. Auch schon ganz kleine Änderungen in unserem Verhalten, die auch schon von Kindern umgesetzt werden können, zeigen ja bereits sichtbare Wirkungen (Fairtrade usw.). Für den lebendigen Bezug zu allem Natürlichen können selbst Fensterbänke und Balkone zu kleinen Forschungslaboren werden, die den Kindern das Wunder der Entwicklung vom Samenkorn zur Pflanze praktisch erfahrbar machen.

Ich bin sicher, dass Schülerinnen und Schüler diese Liste guter Ideen unendlich erweitern können, wenn sie einen kleinen Anstoß und viel Freiraum zur Selbstgestaltung bekommen.

So nutzen wir den Lockdown für viele kreative »Fridays for future« und ganz  nebenbei entsteht durch all diese Tätigkeiten auch noch ein salutogenetischer Effekt: Selbst-Gestaltung und Fürsorge stärken die Abwehrkräfte! Es ist nicht abzustreiten, dass die Pandemie Opfer fordert, und es ist legitim, dass alles versucht wird, um ihre Zahl zu verringern. Aber gehört dazu, schon den kleinen Kindern ein Gefühl der Schuld und Verantwortlichkeit für die Gesundheit ihrer Großeltern aufzuzwingen, wenn sie einfach nur Kinder sein wollen? Müssen wir den Alltag von Schülern – und den ihrer Eltern – »regeln«, indem wir ihnen täglich zu bestimmten Zeiten Aufgaben per Videoschalte servieren und ihren Fleiß kontrollieren?

Und die Jugendlichen? Was macht der Slogan »Distanz ist Liebe« mit ihrer Sehnsucht, die Welt gemeinsam mit anderen zu verändern? Können wir all diesem »Du darfst nicht, weil ... « etwas entgegensetzen, das ihnen Kraft gibt und ihre Kreativität fördert – trotz allem? Auch hier tun wir gut daran, den sicheren Boden des Planbaren zu verlassen. Ermutigen wir sie zu einem Lernen ohne Ergebnis, entlasten wir sie von Lernzielen, Zensuren und Creditpoints! Eröffnen wir ihnen z.B. Forschungsräume durch Kontakte zu Menschen, deren Arbeit sie interessiert. Die modernen Medien bieten unendlich viele Möglichkeiten des Austausches; die Plattformen für die vielfältigsten Ideenschmieden können Schüler oft selbst einrichten. So käme etwas Neues in die Welt!

Stattdessen stehlen wir ihnen wertvolle Lebenszeit mit dem (virtuellen) Abarbeiten von Lerninhalten und dem Erwerb von Wissen mit einer inzwischen sehr geringen Halbwertzeit, nur damit wir das so »erworbene Wissen« abfragen und bewerten können. Wer bewertet eigentlich unsere Fähigkeit, abseits von eingefahrenen Wegen echte Lernbegleiter zu sein?

In Zeiten, in denen leider kein Präsenzunterricht möglich ist, braucht es Lehrer, die eine neue Präsenz entwickeln: sie müssen auf allen Ebenen in der unmittelbaren, persönlichen Beziehung zu ihren Schülern, wirklich anwesend sein. Das bedeutet, Offenheit zu entwickeln für ihre Lebenswelten, ihre Fragen, ihre Sorgen, aber auch ihre Ideen und Wünsche und damit letztendlich ihre Zukunft. In Zeiten verordneten, physischen Abstandhaltens brauchen wir auf allen Ebenen mehr seelische Nähe. Im schriftlichen, telefonischen oder meinetwegen auch virtuellen Gespräch bedarf es unserer offenen Frage­haltung auf ganzer Linie. Und im gemeinsamen Gestalten der sich daraus ergebenden individuellen Lernwege, haben wir die großartige Chance, an der Entwicklung unserer Phantasiefähigkeit zu arbeiten.

Das erfordert hier und jetzt von uns ein hohes Maß an Geistes-Gegenwart, die wir nicht als Opfer der Zeitumstände, sondern als Gestalter der pädagogischen Situation aufbringen müssen. Der liebevolle, offene Blick – wenn man das Lächeln der Lippen unter der Maske nicht sehen kann – ist ein Bild dafür.

Mit dieser inneren Haltung können wir dann unseren Horizont erweitern und aufblicken von den unzähligen Notfall-Stundenplänen, den »Lernszenarien« und Homeschooling-Materialien – die meistens schon morgen von vorgestern sind – und sind in der Lage, für unsere Schüler einen echten »Plan« – im Sinne von Raum – zu schaffen, der Gott dann vielleicht nicht zum Lachen bringt, aber vielleicht seinen liebevollen Blick auf unser Bemühen lenkt.

Zur Autorin: Ulrike Linnemann ist Gründungslehrerin einer Waldorfschule auf dem CSA-Hof-Pente, in der zu neuen Formen des Lernens in den  Bereichen Handlungspädagogik und Nach-
haltige Entwicklung geforscht wird.

Kommentare

Ulrich M. Kleber, Fellbach, 10.04.21 10:04

Liebe Kollegin - wie sehr aus der pädagogischen Seele gesprochen!!! - Für eine lebendige und moderne Waldorfpädagogik eigentlich selbstverständlich ?! - Also dann, vielleicht "forward to the roots"? ..... Danke!

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