Raus aus dem Druck

Von Heike Dinter, Juli 2020

Zuschrift zu dem Beitrag »Es reicht« von Reinhard Loup, Erziehungskunst, Oktober 2019.

Dieser Beitrag spricht mir als Waldorf-Klassenlehrerin aus tiefster Seele. Es wurde darin gefragt: »Wo bleibt der Aufschrei?« Hier ist einer. Ich kämpfe diesen Kampf um das im Artikel beschriebene Verständnis von Waldorfpädagogik jeden Tag, setze mich jeden Tag mit meiner ganzen Kraft dafür ein und stoße nicht nur auf Unverständnis, sondern werde immer wieder massiv angegriffen.

Bei über der Hälfte der Kinder meiner jetzt 6. Klasse, die ich ja noch nicht einmal selbst aufgenommen habe, habe ich schon – und zum Teil mehrfach – gehört: »Der/die gehört hier nicht hin.« Auf die Frage, wo diese Kinder denn dann hingehören, kommt immer die gleiche Antwort: »Auf eine Schule, an der sie besser gefördert werden können.« –

Es ist tatsächlich ein Drama, dass wir auf Grund der finanziellen Probleme keinen Förderunterricht mehr haben, geschweige denn Heileurythmie, Sprachgestaltung oder einen Schularzt (außer für die Aufnahmen). Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass alle möglichen Kinder nicht mehr zu uns gehören, die zu uns gekommen sind, dass fast ausschließlich potenzielle Abiturkandidaten als bei uns richtig betrachtet werden. Ganz abgesehen davon finden sich zudem in unserer Umgebung wenige solcher Schüler und wir haben ohnehin schon mit zu geringen Schülerzahlen zu kämpfen.

Gleichzeitig ist der Druck auf uns Lehrer nicht zuletzt von Elternseite sehr groß, und die Eltern benötigen und fordern so viel Betreuung und Lösungen für die Schwierigkeiten ihrer Kinder, dass für die Arbeit mit den Kindern selbst bei vielen Kollegen die Kraft fehlt. Ich beobachte aber vor allem ein echtes und ehrliches Unverständnis bei vielen Kollegen hinsichtlich der im genannten Artikel beschriebenen Vorstellung von Waldorfpädagogik, ohne etwa eine dahinterstehende böse Absicht.

Das liegt vor allem darin begründet, dass ein echtes, tiefes Vertrauen in die Entwicklung der Kinder durch stärkende und liebende Begleitung, wie ich das in meiner Schulzeit erlebt habe, gar nicht entstehen konnte, weil es eben nicht selbst erlebt und beobachtet wurde. Und so wird letzten Endes doch die Hauptverantwortung des Lehrers in Bezug auf die Lernerfolge jedes Kindes gesehen, sozusagen als notwendige Voraussetzung für ein erfülltes Leben und nicht die Fähigkeit zum Ergreifen der Lebensaufgaben an sich, die ja eben nicht automatisch an den Schulerfolg gekoppelt ist.

So war es zu meiner Schulzeit noch üblich, dass viele Kinder über weite Strecken in Ruhe gelassen wurden. Nicht links liegengelassen wohlbemerkt! Ich glaube, ich hatte Klassenkameraden, die kaum einmal dazu genötigt wurden, einen eigenen Text vorzulesen, wenn sie das nicht wollten. Trotzdem standen alle schon wenige Jahre nach der Schulzeit fest und sicher im Leben. Natürlich gab und gibt es immer wieder den Vorwurf, dass manchen Schülern nicht genug auf die Füße getreten wurde, und sicher kann man das rückblickend auch bei einigen so sehen – aber wird jemals in die andere Waagschale gelegt, wie viele Schüler sich gerade deshalb zu so großartigen Persönlichkeiten entwickelt haben, weil sie in Ruhe gelassen wurden? Weil sie nicht ständig mit ihren vermeintlichen Schwächen konfrontiert wurden?

Natürlich frage ich mich bei jedem einzelnen Kind meiner Klasse immer wieder, was von beidem es wann braucht und auch, wie viel Unterstützung, wie viel »in Ruhe gelassen werden« und auch, ob es wirklich an einem anderen Lernort besser aufgehoben wäre, was ich bei einigen wenigen Kindern in meinen bisherigen drei »Durchgängen«  auch so gesehen und entsprechend gehandhabt habe. Aber zunächst gehören doch alle Kinder, die sich in einer Klasse und bei mir als Klassenlehrerin versammelt haben, genau dort auch hin, und es ist meine Aufgabe, mich darum zu bemühen, dass sie sich dort wohlfühlen und entwickeln können, dass sie lernen, mit den unglaublich großen Unterschiedlichkeiten gut und liebevoll umzugehen. Und das können diese heutigen Kinder großartig, hier haben sie wunderbare Fähigkeiten.

Sich Wissen anzueignen und beim inhaltlichen Lernen zuzugreifen, fällt ihnen dagegen – jedenfalls bei uns an der Schule – sehr schwer, weil die Art, wie sie in der heutigen Welt leben, dafür keine guten Voraussetzungen bietet. Ich bin der Meinung, dass eigentlich gerade unsere Pädagogik für den Umgang mit diesem Phänomen großartige Voraussetzungen böte, angefangen mit der Betrachtung der Möglichkeit, dass die Kinder vielleicht sogar besser als wir wissen könnten, was für sie in Zukunft wichtig ist.

Auch die Hirnforschung gibt unserer Methodik doch in weiten Teilen recht. Aber stattdessen geben wir an vielen Stellen dem einseitigen Streben nach Leistung nach, so dass die Schüler bei uns teilweise stärker unter Druck geraten, als an anderen Schulen und durch diesen Druck noch weniger Mut und Kraft zum  Lernen haben. Dabei finde ich es gut, dass es das Abitur als Möglichkeit bei uns gibt, aber es sollte eben eine Möglichkeit sein und nicht der einzige als erfolgreich zu betrachtende Abschluss.

Ich denke so oft, dass mein alter Klassenlehrer, dem ich zutiefst dankbar bin, sich im Grabe umdrehen würde, wenn er sähe, was wir mit den Kindern machen. Ich wünschte mir so sehr, dass wir uns ganz deutlich von diesem System des Druckes, das überall in den Schulen herrscht, distanzieren würden, stattdessen machen wir mit, wenn auch hoffentlich nicht überall. Die Eltern stehen unter Druck, ebenso wie die Lehrer, und beide Seiten neigen dazu, sich dafür gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben, und beide Seiten üben umso mehr Druck auf die Kinder aus. Und wenn diese dann die Kraft haben, sich dem zu entziehen oder gar entgegenzustellen, gelten sie als verhaltensauffällig oder lernbehindert und müssen aussortiert oder therapiert werden – ach nein, sie haben ja nur einen »Förderbedarf«, den wir leider nicht decken können …

Wir haben den gemeinsamen Blick oft nicht mehr, wir schaffen für diese Kinder keine gemeinsame liebevolle Hülle mehr, obwohl es genau das wäre, was sie am meisten bräuchten – und was ihnen in ihrem außerschulischen Leben eben auch oft fehlt – , viel mehr als Förderunterricht, Diagnosen und Therapien. Neben dem guten Willen wären aber auch bessere Rahmenbedingungen hilfreich, um diese Aufgabe erfüllen zu können, die in Zeit nicht messbare Kräfte erfordert.

Zur Autorin: Heike Dinter ist Klassenlehrerin an der Rudolf Steiner Schule Hagen

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