Regie: Cornelius Lohmann

Von Jens Göken, Februar 2011

Um sein Leben in den Dienst der Pädagogik zu stellen, opfert so mancher begabte Lehrer einen anderen, auch möglichen Berufsweg. Für den Waldorfpädagogen Cornelius Lohmann, Oberstufenlehrer für Geschichte, Deutsch, Kunstgeschichte, Philosophie und Sozialkunde, hätte dies der Weg eines Theatermenschen sein können.

Cornelius Lohmann. Foto: Leonard Ihssen

Der Inspektor kommt. Foto: Sebastian Moock

Mit welcher Hingabe, welchem Enthusiasmus und welchem Geschick Lohmann seit Jahrzehnten seine Schüler-Theaterstücke auf die Bühne bringt, ist einzigartig. Legendären Ruf haben seine Faust-Aufführungen. Hoher künstlerischer und pädagogischer Anspruch paart sich dabei mit Publikumserfolg und  reifer Leistung. Ein Schaffen, das Ruhe atmet und Zartheit, das Geistiges aufstrahlen lässt und trotzdem Gefühle entfesselt, die aber immer wieder gebändigt werden und niemals jemanden überwältigen, weil stets das Ganze gewahrt bleibt: das Ganze nicht nur des Stücks, sondern auch und vor allem der Gruppe.

Zusammenarbeit ist ein Schlüsselwort für Lohmanns Inszenierungen. Mit großem Gespür versteht er es, begabte Menschen zusammenzurufen, um seinen Schülern kompetente Hilfe anzubieten, seien dies Sprachgestalter, Musiker, Tänzer oder Kostümbildner. – Geradezu ge­neral-­­stabsmäßig verbindet er immer wieder Menschen durch ein gemeinsames Ziel. Ein kühler, nüchterner Planer, als Stratege minutiös und doch  innerlich glühend, um nicht zu sagen: lohend – für eine Sache, aber auch offen für neue, radikale Ansatzpunkte – das zeichnet die Arbeitsweise Lohmanns im Theaterspiel, im Klassenraum und auch im Kollegium aus.

Von einem heute nur noch selten vorhandenen breiten Wissen auf allen Gebieten der Kultur- und Sozialwissenschaften und einem immer wachen Interesse für aktuelle Ereignisse und Erkenntnisse wissen Lehrerkollegen wie Schüler zu berichten. »Der weiß irgendwie alles und kann so spannend erzählen, den möchte ich als Privatlehrer haben«, sagte einmal ein Schüler. 

Tiefes Gespür für das, was die Schüler umtreibt 

Ein tiefes Gespür für das, was seine Schüler suchen, was sie an – geäußerten und latenten – Fragen haben, und eine  klare Einsicht in die Besonderheiten aller Altersstufen – das bewundern auch Kollegen an ihm. Dass nicht jeder Kollege, nicht jeder Schüler mit einer solch starken, dynamischen, immer rastlos arbeitenden Persönlichkeit zurechtkommt, versteht sich von selbst. Aber auch wenn einmal etwas falsch eingeschätzt wurde, auch nach einem heftigen Streit, den in aller Offenheit zu führen Lohmann stets bereit ist, kann das Gespräch jederzeit sofort wieder beginnen. Denn es geht zuletzt immer um die – gemeinsame – Sache: Um die Schüler vor allem, die so viele Chancen wie möglich erhalten sollen, nach der Schulzeit einen guten Weg ins eigene Leben zu finden.

Entsprechend gehen auf Lohmanns Initiative Vertrauensgespräche mit schwierigen Schülern zurück (Hannover-Maschsee) sowie vermehrte Berufspraktika als Merkmal eines besonderen Oberstufenkonzepts (Sorsum), die den Schülern eine Ahnung des späteren Berufslebens vermitteln sollen. Diese und ein immer am Tagesgeschehen anknüpfender, auf viele soziale Initiativen in aller Welt hinweisender Geschichts- und Gesellschaftskunde-Unterricht bereiten die Schüler Lohmanns auf die Welt vor, in der wir heute und morgen leben und uns bewähren müssen. Das zeigt sich auch an seiner Theaterarbeit: Immer sind seine Stücke engagiert.

Sie weichen nie der Konfrontation mit dem Bösen und Häss­lichen in der Welt aus, entschwinden nie in einen hellblauen Theaterhimmel, sondern handeln von Menschen, die sich überwinden und als sie selbst auf dem Erdboden ankommen. 

Lohmann erweckt Enthusiasmus für das gesprochene Wort 

Das gilt auch für sein Schülertheater 2010, das er in Zusammenarbeit mit dem Autor dieser Zeilen im August diesen Jahres als letzte von ihm geleitete Arbeit seiner Theater-AG an der Waldorfschule Sorsum aufgeführt hat: »Ein Inspektor kommt« von J.B. Priestley. Darin tritt ein geheimnisvoller Polizeiinspektor unter einige Persönlichkeiten aus »besseren« Kreisen der englischen Gesellschaft.  Einem nach dem anderen reißt er die Maske herunter, bis sie sich alle tief verstrickt sehen in das Schicksal einer jungen Frau, die gerade Selbstmord verübt hat. Eine Christusgestalt im 20. Jahrhundert bringt da »Licht in das Dunkel aller Verborgenheiten« (1.Kor. 4,5) und bietet Menschen die Chance, sich selbst zu erkennen und umzuwenden.

Wieder zeigte sich, was der Theatermensch und Pädagoge Lohmann in Schülern zu erwecken vermochte: Nicht nur Enthusiasmus für das Theater und das Stück, sondern vor allem auch für das gesprochene Wort: Als tief mit der Sprache verbundener Mensch und ausgezeichneter Sprecher findet er sich in die Sprechgesten der Schüler hinein, entdeckt den Punkt, an dem es hakt, und weist ihnen den Weg zu einem klaren, weithin verstehbaren Sprechen. »Sehr viel fordern, ohne zu über-fordern«, so könnte eine weitere Devise der Arbeit Lohmanns lauten. 

Ein köstlicher Darsteller mit Sinn für Humor 

Schließlich das Schauspiel: Selbst ein köstlicher Darsteller mit einem unerschöpflichen Sinn für viele Arten des Humors, fühlt er sich mühelos in jeden seiner Schauspieler ein, ja spielt jede Rolle innerlich mit und greift bei den Proben, wenn dies angemessen ist, pausenlos ein in den Spielprozess, weist auf neue Möglichkeiten des Gehens, Stehens, Schauens, Handelns und Sprechens hin und bereichert so die Möglichkeiten der Schauspieler. Dabei lautet sein zentrales Anliegen: »Bringen wir es in die Wahrnehmung! – Nicht spekulieren wollen wir, sondern es ausprobieren und anschauen, wie es wirkt.« Mit anderen Worten: Machen wir ernst, lassen wir es krachen, nehmen wir wahr, was wir dann vor uns haben, ja: Haben wir den Mut, uns mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, sie unverstellt wahr-zu-nehmen, dann denkend abzuwägen, um sie schließlich nötigenfalls zu verändern.

Tun – Wahrnehmen – Erkennen – Verändern: Das ist die Quintessenz, die uns Cornelius Lohmann im Rückblick auf seine Arbeit als Pädagoge und Theatermensch ans Herz legt. Und für diesen Mut, die Wirklichkeit ins Auge zu fassen, auszuhalten und zu gestalten und dabei vielen Schülergenerationen, manchem Kollegen und auch Elternteil der »Loh-Mann« im Leuchtturm am Strand des Lebensmeeres gewesen zu sein, verdient er wahrlich das Prädikat eines Erziehungskünstlers.

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