»Respekt vor den Menschen, die so einen Job machen«. Betriebspraktikum in der 10. Klasse

Von Friederike Koch, Sibylla Hesse, Juli 2014

Fünf Wochen lang tauchen alle Zehntklässler in das Arbeitsleben eines Betriebs ein. In einem Portfolio halten sie ihre Erfahrungen fest.

Nina hantiert bei der Präsentation mit einem Ester, wie sie es im Chemie-Labor der Universität gelernt hat.

Clara bei ihrer Präsentation über die Arbeit in der Hotelküche.

Täglich sind Gläser zu polieren: Marsha im Hotel.

Da kommt sie aus der Küche gelaufen: karierte Hose, das weiße Hemd mit der doppelten Knopfreihe an den Armen hochgekrempelt, und strahlt. Clara hat sich ihren Praktikumsplatz in der Küche eines hochpreisigen Berliner Hotels gesucht und dort bereits mehrere Abteilungen durchlaufen: kaltes Buffet, warmes Buffet, Pâtisserie. Schon in ihrer Jahresarbeit letztes Jahr in der 9. Klasse ging es ums Kochen. Jetzt prüft sie, ob dieser Beruf wirklich zu ihr passt. Jedenfalls hat sie »Respekt vor den Menschen, die so einen Job noch nach Jahren mit Freude machen« bekommen. Fünf Wochen lang absolvieren unsere Zehntklässler ein Betriebspraktikum und erkunden – jeweils von einer Lehrkraft betreut – den Berufsalltag. »Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, im Voraus ein gut ausformuliertes Bewerbungsschreiben zu entwickeln«, schreibt Hennes, der zunächst einige Absagen erhielt, im Rückblick. Johanna berichtet, dass sie bereits in der Handwerker-Epoche der 3. Klasse im Fasching als Konditorin ging: »Seitdem fragte ich mich immer, wie der Konditor nur so schöne Torten hinbekommt.« Also teilte sie ihre Zeit und arbeitete in einem großen, teilautomatisierten Betrieb sowie in einer kleinen Kuchenmanufaktur.

Theke, Schreibtisch, Werkstatt

»In den ersten Tagen war die Arbeit sehr anstrengend, doch zum größten Teil war es sehr schön, im Hotel zu arbeiten«, schreibt Marsha, die auch das Housekeeping und den Service durchlief. »Ich habe das Gefühl, ein Stück ordentlicher geworden zu sein und auch mehr auf Sauberkeit zu achten«, nicht zuletzt durch häufiges Polieren von Gläsern und Besteck. Ermüdende Routine gehört dazu! Johann musste tagelang Holzboote von altem Lack befreien: »Vor allem habe ich gelernt, lange durchzuhalten und mich so lange auf meine Arbeit zu konzentrieren«, schreibt er. Das brachte ihm das Angebot eines Ferienjobs ein. Bei der Tierärztin eine zu impfende Katze festzuhalten, war für Käthe einer ihrer schönsten Momente, »denn da habe ich gemerkt, dass ich wirklich behilflich bin.« Außerdem lernte sie »Arbeitsschritte mehr vorauszusehen und wie man den Kunden gegenübertreten sollte«. Christopher fand kurzfristig in einer Arztpraxis seinen Platz, der wegen dieses Gefühls der Selbstständigkeit ein voller Erfolg gewesen sei, obwohl, wie er selbstkritisch schreibt, sein Tempo beim Akten sortieren zu Kritik Anlass gab.

Luana hatte in ihrer Bewerbung bei einer Potsdamer Tageszeitung eine »Seite Drei« als kleine Arbeitsprobe eingefügt, was zu einer sofortigen Zusage führte. Die Redaktion vergaß allerdings, sie darüber zu informieren, aber durch hartnäckiges Nachfragen erfuhr sie davon: auch das eine wertvolle Erfahrung. Sie lernte in Pressekonferenzen den Oberbürgermeister sowie unseren Landesvater kennen. Ihr Fazit: »Als ich durch die Tür ging, war ich sehr reich. Reich an neuen Erfahrungen, tollen Erlebnissen, beginnenden Kenntnissen über den Journalismus und interessanten Erkenntnissen über die Politik und die Stadt Potsdam. Vor allem aber reich an Zufriedenheit, Glücksgefühl und Dankbarkeit für die vergangenen Wochen.«

Forderung und Bewährung

Für viele Zehntklässler war der Sechs-Stunden-Arbeitstag ungewohnt erschöpfend. Walerij klagte über Rückenschmerzen nach dem Kistenschleppen im Getränke-Einzelhandel, anderen fiel das viele Stehen schwer.

Prägend war für die Zehntklässler, dass sie trotz frühzeitiger Bewerbungen immer wieder Absagen erhielten. Sie habe dadurch »gelernt, für etwas richtig zu kämpfen«, sagt An­tonia. In Richtung Selbsterfahrung geht auch Lauras Fazit nach Problemen auf einem landwirtschaftlichen Hof: »Ich fand es hilfreich, eine schlechte Erfahrung in einem Betrieb zu machen, da ich dadurch selbstbewusster und stärker vom inneren Wesen her geworden bin.« Alle Praktikanten sind angewiesen, in Tagesberichten ihre Erlebnisse festzuhalten. In ihr Portfolio kommen Bewerbungsunter­lagen, die eigenen Erwartungen im Vorfeld und eine Beschreibung des Betriebs sowie des Berufsbildes. Der Anhang enthält Zeugnisse, eine Selbstbewertung, ein Literatur- und Quellen­­-verzeichnis. Die Schüler wählen weitere instruktive Dokumente, Fotos und Texte aus, zum Beispiel für die Bebilderung von Arbeitsschritten, Baupläne oder Beweisstücke, wie etwa Grafiken aus dem Geoforschungszentrum oder Backrezepte. Unabdingbar ist das in Absprache mit der betreuenden Lehrkraft gewählte Vertiefungsthema, das einen interessanten Aspekt näher beleuchtet.

Öffentliche Präsentationsprüfung

Die Praktikumszeit endet mit zwei Tagen öffentlicher Präsentationen vor Eltern und Gästen ab Klasse 6. Diese Portfolio-Prüfung besteht aus je zehn Minuten frei gestaltetem Vortrag, auch mit Medieneinsatz, und fünf Minuten Befragung durch das Publikum. Sie geht in die Benotung ein, denn das Praktikum bildet für alle einen wesentlichen Teil des Hauptschulabschlusses. Dabei kann sich die Lehrer-Jury gerne um beratende Praktikumsgeber erweitern, was uns immer wieder neue Gesichtspunkte vermittelt. Am Ende steht die feierliche Überreichung des Extrazeugnisses, was den Stellenwert der Praktika unterstreicht.

Schule und Leben

Die Erfahrungen aus den Praktika sind in keiner Weise durch schulische Aktivitäten zu ersetzen. Sie gewinnen biographische Bedeutung nicht nur in einzelnen Fällen, wo bereits ein mögliches Berufsfeld sondiert wird, sondern fördern die Reifung durch Erlebnisse im professionellen Umgang. Sei es der Kundenkontakt, das Anlegen von Berufskleidung oder Ablegen von Befangenheiten: Es geht um Bewährung, das Suchen von Hilfe, das Einstecken und Umsetzen von Kritik.

»Jetzt habe ich auch einmal die Arbeitswelt kennengelernt und weiß nun, dass ich eigentlich noch gern weiter zur Schule gehen möchte!« – so lautet nicht nur Hennes‘ Rückblick. »Ich merke jetzt selber, dass ich mit einem ganz anderen Verständnis in ein Restaurant komme, denn die Arbeit der Menschen ›hinter den Kulissen‹ ist wirklich groß«, fasst Clara ihre Wertschätzung zusammen. Aber Köchin will sie jetzt nicht mehr werden, weil die Zwölfstundenschichten so hektisch sind.

Zu den Autorinnen: Friederike Koch unterrichtet Mathematik und Projekt. Sibylla Hesse Geschichte, Kunstgeschichte und ebenfalls Projekt an der Potsdamer Waldorfschule. Beide begleiteten schon viele Klassen durch Praktika.

Folgen