Rettung vor dem Kapitalismus

Von Sebastian von Verschuer, Januar 2017

Der Untertitel des Buches »Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten« kündigt treffend die folgenden Ausführungen an, die in einem flüssig zu lesenden Text die Unterscheidung von Kapitalismus und freier Marktwirtschaft in den letzten 200 Jahren heraus­arbeiten.

Die Analyse zeigt, dass eine Karriere »vom Tellerwäscher zum Millionär« die Ausnahme und nicht die Regel darstellt: »2010 waren schon wieder mehr als zwei Drittel aller Vermögen das Erbe von früheren Generationen … Nur 40 Prozent des Gesamtvermögens sind in den Industrieländern heute Familien der Mittelschicht zuzurechnen.« Eindrücklich wird dargestellt, wie die »Neue Mitte« der Bevölkerung mit befristeter und schlecht bezahlter Arbeit den alten Mittelstand ablöst. Demgegenüber sind dauerhaft hohe Gewinne nicht das Ergebnis von Wettbewerb, sondern der Monopolstellungen großer Konzerne.

Eine Stärke dieses Buches ist neben der Kapitalismuskritik die positive Beurteilung von technischem Fortschritt und freier Marktwirtschaft. Es wird deutlich, wie viel die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die politischen Entscheidungen in Bezug auf die Geldordnung, den Eigentumsschutz und die Lastenverteilung zu dem heute herrschenden Neoliberalismus beigetragen haben: »Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind unser Werk.«

In der zweiten Hälfte des Buches werden Gesichtspunkte für eine gemeinwohlorientierte Marktwirtschaft entwickelt, die auf breiter Basis Innovation fördern und die Machtkonzentration der Eliten beschränken kann. Beispielhaft seien hier genannt: den Privatbanken die Kreditgeldschöpfung wegnehmen; Gemeinwohlbanken mit regionaler Bindung fördern; Kapitalgesellschaften durch Haftungsgrundsätze in die Pflicht nehmen; Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung patentfrei halten; öffentliches Wagniskapital zur Verfügung stellen unter der Bedingung öffentlicher Mitsprache; Mitarbeitergesellschaften fördern, die unverkäuflich sind und wo Gewinne nicht abgeführt, sondern reinvestiert werden; Basisversorgung (Strom, Gas, Wasser, öffentlicher Nahverkehr, digitaler Netzanschluss) durch öffentliche Unternehmen gewährleisten.

Die Darstellung räumt mit Klischees wie »weitere Privatisierung ist alternativlos« und »Kapitalismus ist freie Marktwirtschaft« auf und sie zeigt hoffnungsvolle Perspektiven auf, die in der Kontinuität bestehender Errungenschaften liegen. So kann ich diesen Spiegel-Bestseller wärmstens weiterempfehlen.

Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten, geb., 292 S. EUR 19,95, Campus Verlag, Frankfurt 2016

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