Richtungswechsel fällig?

Von Mathias Maurer, Februar 2018

Die Waldorfschulen stehen in Bezug auf den künstlerischen und praktisch-handwerklichen Unterricht vor einer bildungspolitischen Herausforderung.

Klaus-Peter Freitag, Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen, gab in Vorbereitung zu einem Kongress* den Anstoß für einen der thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe. Freitag führt aus: »Es ist zu beobachten, dass etwas, wofür es keine Noten gibt und was nicht Gegenstand von Prüfungen ist, im Schulalltag an Bedeutung verliert. Für eine Prüfung zu lernen, scheint wichtiger. Eine kontinuierlich sinkende Motivation bei Jugendlichen für die nicht direkt prüfungsrelevanten schulischen Aktivitäten ist die Folge.« Die Fixierung auf den Erwerb staatlicher Schulabschlüsse führe bei Schülern und Eltern dazu, dass die selbstständige Aktivität und das persönliche Engagement im individuellen Bildungsprozess in der Mittel- und Oberstufe immer mehr abnehmen.

Doch was lange als ein pädagogisches Problem angesehen wurde, entpuppt sich als ein gesellschaftliches Problem: Der Mangel an Einsatzwillen sei – so Freitag weiter – auf einen Mangel an Vermittlung (lebens-) praktischer Kompetenzen zurückzuführen. Die individuellen Potenziale der Schüler werden nicht geweckt und die Wirkung persönlichkeitsbildender Aktivitäten durch praktisches, handwerkliches und künstlerisches Handeln nie erfahren. Wie denn auch: Im Rahmen kognitiver Leistungsabfragen sind darüber keine Aussagen möglich.

Rudolf Steiners pädagogische Maxime für die Waldorfschulen lautete: Lernend arbeiten – arbeitend lernen. Das mag man in der Klassenlehrerzeit als Eltern gerne mitnehmen. Doch je näher die Abschlüsse rücken, desto nervöser wird auf diese geblickt. Doch dort wird vornehmlich Wissen abgefragt.

Steiner meinte es ganz radikal: Man ist nicht ganz Mensch, wenn man zwei linke Hände hat, aber viel im Kopf – zumal heute der Zusammenhang motorischer und kognitiver Fertigkeiten wissenschaftlich belegt ist. Praktisches Lernen soll also gleichberechtigt neben kognitivem und künstlerischem Lernen stehen.

Einige wenige Waldorfschulen widerstehen der zunehmenden »Gymnasialisierung«, machen die Trennung von Kopf und Hand nicht mit, bieten eine integrierte Doppelqualifikation für Studium und Beruf an, die das schöpferische Potenzial von Lernen und Arbeiten in einem Menschen ganzheitlich bildend zusammenführen will – die berühmteste und älteste ist die Hiberniaschule in Herne, die diese Bildungsidee seit den 1960er Jahren praktiziert und damals internationale Beachtung fand. – Und wo stehen wir heute mit diesem Konzept? Fragen Sie einmal bei Ihren Lehrkräften der Oberstufe nach, diskutieren Sie darüber in Ihrem Elternabend. Diese Ausgabe will ein Beitrag für dieses Gespräch leisten.

Ein weiterer Themenschwerpunkt (Sonderteil ab Seite 45) beschäftigt sich nicht mit alternativen Abschlussaussichten am Ende einer Schulkarriere, sondern mit dem Beginn derselben. Er ist der Frage des richtigen Einschulungsalters gewidmet, einer Frage, die viele Eltern jetzt umtreibt im Hinblick auf den kommenden Schulbeginn und die Wahl der richtigen Schule für ihr Kind. Was Kinder-und Jugend­psychiater, Schulärzte, Kindheitsforscher und Waldorfpädagogen dazu sagen, könnte eine Argumentationshilfe sein für Ihre schon getroffene oder anstehende Entscheidung.

* Lernend arbeiten, arbeitend lernen – eine Antwort auf gegenwärtige Bildungsfragen, Hiberniaschule, 18.-20.1.2018, www.alanus.edu | www.waldorfschule.de

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