Rudolf Steiner in Stuttgart

Von Christian Boettger, September 2011

Das vorliegende Buch entstand aus Anlass der großen Kunstausstellung »Kosmos Rudolf Steiner« in Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem hiesigen Kunstmuseum. Es bietet für die vier behandelten geschichtlichen Perioden jeweils einen Beitrag des Historikers Harald Schukraft und einen Beitrag des  Philosophen Andreas Neider. Schukraft ist durch zahlreiche Bücher zur Geschichte seiner Heimatstadt und Württembergs bekannt. Neider gilt als Kenner der Biographie Rudolf Steiners. Während Schukraft unter verschiedenen Aspekten in die Entwicklung der Stadt einführt, stellt Neider detailliert und kenntnisreich Steiners Spuren und Wirken in Stuttgart dar. Damit ist das Buch sowohl für Stuttgarter, die sich für die Umbruchzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts interessieren, als auch für Anthroposophen, die die Initiativen Steiners in Stuttgart verfolgen wollen, lesenswert.

Durch ihr Zusammenspiel arbeiten die beiden Autoren deutlicher als die anderen Biographien, die in diesem Jahr erschienen sind, heraus, wie entscheidend das Wirken Steiners mit den Möglichkeiten und Menschen vor Ort zusammenhing.

Schukraft führt in ein Stuttgart ein, das am Anfang des 20. Jahrhunderts durch Erweiterungen des Stadtgebietes den Weg zur Industriestadt einschlug. Er zeigt, wie Architektur und politische Initiativen, zum Beispiel der Frauenrechtlerin Clara Zetkin, eine Kultur schufen, die es nach dem ersten Weltkrieg ermöglichte, das Frauenwahlrecht einzuführen und damit den Boden für eine umfassende Schulbildung zu legen. Eine Kultur, die es dem damaligen Kultusminister Berthold Heymann erlaubte, die erste Waldorfschule in Stuttgart zu genehmigen.

Neider schildert auch das von Steiner dringend benötigte Engagement der Unternehmer vor Ort, wie Unger, Arenson, Del Monte und Molt. Aber nicht nur die Erfolge und Anstrengungen der Pioniere in Stuttgart und die positive Resonanz werden gezeigt, sondern auch die Rückschläge, wie das Scheitern des Unternehmens »Kommender Tag AG«.

Ein Personenregister und viele Literaturhinweise ergänzen den Stadt- und Reiseführer. Leider sind die Fotos, Faksimiles und Dokumente oft zu klein wiedergegeben. Hier wurde an der falschen Stelle gespart. Positiv wirkt hingegen die Zurückhaltung, die sich beide Autoren bei Interpretationen von inneren Beweggründen der Anthroposophen und Steiners aufer­legen. Eine Frage hat sich mir gleichwohl gestellt: Inwieweit kann man bei einem so universellen Geist, wie Rudolf Steiner es war, sich nur auf ein äußerliches Wirken beschränken, ohne seine geistige oder motivische Biographie einzubeziehen?

Andreas Neider / Harald Schukraft: Rudolf Steiner in Stuttgart, 168 S., kart. EUR 19,95, Belser Verlag, Stuttgart 2011

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