AD(H)S – ein Krankheitsbild kommt ins Wanken

Von Dietmar Derrez, April 2019

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Aufsatzsatzsammlung von Autoren, die aus unterschiedlichen fachlichen und weltanschaulichen Perspektiven das gängige AD(H)S-Konstrukt in Frage stellen. Die entsprechende Diagnosepraxis wird auf ihre Unstimmigkeiten hin beleuchtet.

Anhand gründlicher Analysen werden zudem Gefahren und Schwierigkeiten der üblichen Behandlung des »Syndroms« mit Methylphenidat (Ritalin oder vergleichbaren Medikamenten) gezeigt. Der Leser findet auch Hinweise auf alternative Therapieansätze. Ein sicher geglaubtes »Krankheitsbild« kommt ins Wanken.

In mehreren Beiträgen wird nachgewiesen, dass sich bei der allgemeinen Bewertung, ab wann ein Kind wegen seiner »Auffälligkeiten« als behandlungsbedürftig gilt, etwas verschoben hat. Die Toleranz für abweichendes Verhalten nimmt stetig ab. Bereits geringfügige Abweichungen von der fiktiven Norm genügen, um Kinder psychodiagnostisch zu etikettieren.

Eltern eines Kindes mit AD(H)S-Diagnose, die Hilfe suchen, finden hier keine unmittelbar umsetzbaren Anleitungen, auch wegen des breiten Spektrums sehr unterschiedlicher Sichtweisen. Aber das Buch bietet eine gute Basis für jeden, der sich selbstständig und kritisch mit dem Thema auseinandersetzen will. 

Die Diagnose AD(H)S sagt viel über unsere Zeit aus. Einfache Lösungen für komplexe Zusammenhänge zu suchen, ist bedauerliche Realität. Das genetisch-neurobiologische Deutungsmuster greift nicht nur zu kurz, es ist oft rein spekulativ und kontraproduktiv. Stattdessen müsste es darum gehen, kindliches Verhalten im lebensgeschichtlichen und psychosozialen Kontext unter Einbezug zivilisationsbedingter Belastungen zu »lesen« und einer jeweils strikt einzelfallbezogenen Diagnostik individuell abgestimmte Hilfen folgen zu lassen. Darauf hinzuweisen ist das Hauptanliegen der Autoren, hier treffen sie sich bei aller Unterschiedlichkeit. Zudem wird das Thema AD(H)S in größeren philosophischen, wissenschaftskritischen und anthropologischen Zusammenhängen beleuchtet.

Ein kleines Manko des Buches ist, dass Aufsätze darin enthalten sind, die offensichtlich schon einige Jährchen auf dem Buckel haben und sich auf ältere Studien beziehen. Auch wenn sich seither keine grundlegend anderen Erkenntnisse ergeben haben mögen, wäre es wünschenswert gewesen, die Aktualitätsfrage in einem Abschnitt jeweils kurz zu behandeln.

Für »Laien« ist das Buch nicht immer einfach zu lesen. Es bietet aber eine grundlegende Orientierung für Eltern, Erzieher, Lehrer und Therapeuten, die bei der Allerweltsdiagnose AD(H)S und allem, was aus ihr folgt, schon immer ein ungutes Gefühl hatten. 

Die Autoren gehören allesamt dem wissenschaftlichen Kuratorium der Konferenz AD(H)S an, unter ihnen zwei Anthroposophen: die Ärztin Silke Schwarz und der Heilpädagoge Henning Köhler.

Hans-Reinhard Schmidt (Hrsg.): Modekrankheit ADHS. Eine kritische Aufsatzsammlung, Tb, 472 S., EUR 49,95, Mabuse-Verlag, Frankfurt 2018

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