Auf der Suche nach Persephone

Von Adolf Fischer, Juni 2015

Mit dem Untertitel: »Goethes Reise zu den Urbildern und das Wesen der Anthroposophie« präzisiert der Verfasser das Anliegen seiner Studienarbeit. Der Titel setzt hohe Maßstäbe, das Buch ist keine leichte Kost.

Gemessen am angeschlagenen Thema erscheint der Umfang von knapp 250 Seiten eher bescheiden, aber beim Lesen – besser: beim Mitleben und Nachvollziehen der geschilderten Bilder und Beziehungen, beim Durcharbeiten und Prüfen der Gedanken – entfaltet sich eine unerwartete Fülle.

Der Autor hat in seinem ausführlichen Anhang alle Quellenangaben mit den kompletten Zitaten der betreffenden Textstellen versehen, wodurch der Kontext bereichert und ergänzt wird. Im Übrigen eignet sich der Anhang gut für den Einstieg in die Lektüre, vor allem die dort zusammengestellten Ausschnitte aus Goethes »Italienischer Reise«. Der Leser kann in diesen Schlüsselszenen mitvollziehen, wie aus den Reiseerlebnissen und Reflexionen die Idee der »Urpflanze« aufleuchtet: eine Einstimmung, die zu eigener Urteilsbildung anregt.

Unter anderem findet sich in den Zitaten eine kostbare Schilderung Goethes über die anschauende Ideenbildung; er betont darin, dass »ein Unterschied sei zwischen sehen und sehen, dass die Geistesaugen mit den Augen des Leibes in stetem lebendigen Bunde zu wirken haben, weil man sonst in Gefahr gerät, zu sehen und doch vorbei zu sehen«. Gleichzeitig ist damit auch in feiner Weise das Anliegen des vorliegenden Buches charakterisiert, das im besten Sinne mit dem Prädikat »Goetheanismus« ausgezeichnet werden kann.

Heigl bereitete sich »sehend« auf seine Arbeit vor, indem er auf Sizilien Originalschauplätze der »Italienischen Reise« besuchte. Dabei machte er manch überraschende Entdeckung, unter anderem, dass Goethe in Palermo nicht – wie allgemein zitiert – im Botanischen Garten seine entscheidenden Anregungen erhielt, sondern im Garten der Villa Giulia, dessen geometrische Anlage geistige Gesetze spiegelt.

Dazu stellt Heigl die Hinweise auf Einweihungserlebnisse in Goethes Schilderungen, etwa der »Überfahrt nach Neapel«, heraus und vergleicht sie mit anderen Texten. In Goethes Biografie zeigt er die stufenweise Wandlung und geistige Reifung parallel zum Mondknoten-Rhythmus von zweimal 9 1/3 Jahren. Schlüssig wird belegt, wie Goethe in der Begegnung mit Sizilien als Land des Demeter-Persephone-Wirkens zum Schauen der »Urbilder« (im »Faust« das »Reich der Mütter«) vordringt und damit Einblick in die ätherische Welt der Bildekräfte gewinnt: Goethes geistiger Weg bereitet damit, exakt ein Jahrhundert vor Rudolf Steiner, die »Anthroposophie« vor. Mit den Erkenntnissen, Methoden und Begriffen dieser Anthroposophie gelingt es Heigl, Goethes Reiseweg durch Sizilien als Erfahrung der Ätheraura dieses Landes zu deuten, die durch Empedokles geprägt war und sich entsprechend im »Faust« niederschlug. Einen überraschenden Bezug stellt der Autor zu den geistigen Quellen der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« her. Die intensive und fruchtbare Arbeit des Autors (und dann des Lesers) erreicht damit die Gegenwart und belegt Goethes Wirken als zeitlos.

Martin-Ingbert Heigl: Persephone – Goethes Reise zu den Urbildern, geb., 256 S., Hardcover, 25,- Euro.

Zu beziehen unter: www.widar.de oder Martin-Ingbert.Heigl(at)gmx.de, Tel. 0731/382929, Selbstverlag Widar, 2014

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