Aufbruch in die Welt – Waldorfpädagogische Grundlagen der Oberstufe

Von Gerhardt Vögele, August 2018

Ein wahrhaftig Not-wendiges Buch! Eine gute Bekannte sagte beim ersten Betrachten: Gibt es so etwas Modernes auch über die Unterstufe? – Ich wusste es leider nicht.

Einleitend stellt Landl die drei Jahrsiebte und die sich darauf beziehenden Erziehungsziele der Waldorfschulen dar und arbeitet die Unterscheidung von Wissen und Erkennen heraus; beides wird gemeinhin als »Lernen« bezeichnet, aber »Verantwortungsreife« kann nur durch Weltinteresse und Erkenntnis errungen werden. Auch der Bezug des von Steiner so genannten »freien Willens« zur wissenschaftlichen Sichtweise in der Gegenwart – die diesen geradezu bestreitet – wird geklärt.

Im Folgenden beschreibt er die Entwickelungsschritte in der Oberstufenzeit und stellt einen größeren biografischen Zusammenhang her, in dem auch die Schicksalsintentionen und das Freiheitserleben der Heranwachsenden ihren Platz bekommen.

Antonia Grasso-Beddig referiert für die ausgehende Mittelstufe Manfred von Mackensens Ansatz zur Gliederung des Unterrichts. Das Gedächtnis kann als Fundus erinnerbarer Inhalte dienen; sie werden zunächst als Gleichnis des Geistigen genommen und dienen als Grundlage für erste Schritte in der Urteilsbildung, wobei gedankliches Urteilen als das Verbindungen-Schaffen zwischen den Eindrücken der Sinne umrissen wird, die Ausbildung des Gefühlsurteils, das ein echtes Mitfühlen des Erwachsenen als Anleitung und Führung braucht, schließt sich an. Als Errungenschaft kann die Ausbildung eines Begriffs von Ursache und Wirkung gelten; die Mechanik ist »in den Körper eingebaut«. Die Überwindung des dadurch veranlagten Materialismus wird durch die Hinführung auf den Körper als Teil der Welt erreicht: »Ich stehe für mich, aber mein Leib ist mir verliehen …«

Anschließend stellt Landl die Bedeutung der Willensentwicklung für die Oberstufe dar und Michael Zech verweist vor dem Hintergrund des Waldorf-Geschichtsunterrichts auf die von verschiedenen Autoren vorgenommenen Unterscheidungen von Stufen und Qualitäten der Urteilsbildung: »Jede Fachdidaktik für die Waldorfschule richtet sich an der Förderung der Persönlichkeitsbildung … aus«. Tritt Charakterisieren an die Stelle des Definierens, so verstellt vermeintlich Universelles nicht den notwendigen Dialog, der zur selbstständigen Urteilsbildung führen kann. Der individuellen Auseinandersetzung mit den behandelten Inhalten lässt die so begründete Gliederung des Hauptunterrichts genügend Raum.

Landl stellt im Abschnitt »Die Bedeutung von Idealen« die willensmäßige Einwohnung des Heranwachsenden in seine Umwelt zu »selbst anerzogenem Idealismus« heraus: Die inneren Leitbilder werden durch die Eigenaktivität des Jugendlichen gesetzt! Dazu dienen dem Jugendlichen »Menschen, die aus Idealen leben …« (Henning Köhler).

Es schließt sich ein Interview von Peter Lutzker mit Landl und Zech an; als Thema des Gesprächs könnte die sich selbst erziehende Lehrperson als Ideal für den Lehrer stehen. Darin zeigt sich die Waldorfpädagogik als diametral zu »anderen Pädagogiken«; einzige Brücke ist der »gute Lehrer«. Die Pädagogik der Regelschulen betrachtet das Individuum als »Ressource«, die Waldorfpädagogik betrachtet das Individuell-Werden als Erziehungsziel! Dafür bedarf es allerdings des besonderen Verhältnisses des Heranwachsenden zum (Oberstufen-)Lehrer: Der muss Respekt haben gegenüber der Individualität, er muss sich wirklich für sie interessieren! Er muss die Freiheit der Individualität achten und darf sie nicht – aus welchen »edlen« Erwartungen auch immer – überwältigen und manipulieren. Am Schluss werden die Anforderungen an den Lehrer umschrieben und ein Blick auf die »jungen Lehrer« geworfen: An den Schulen muss – vor allem bei der Einarbeitung - eine Kultur des Wegkommens vom Einzelkämpfertum entstehen.

In einem zweiten Teil des Buches werden Aspekte zur Didaktik der Oberstufe entfaltet: Landl formuliert die Stufen des Urteilens für die Klassen 9 bis 12 in der Form von Motiven; Reinhard Wallmann stellt in der Form eines Schemas die menschenkundlichen Situationen der Schüler den methodisch-didaktischen Aspekten gegenüber; Lutzker, Edwin Hübner und Hartmut Werner tragen aus dem Fremdsprachenunterricht, aus der Medienpädagogik und zur Urteilsbildung im Fach Deutsch bei. Schließlich begründet Wallmann die methodische Gliederung des Unterrichts aus dem »Dreiklang« Schluss, Urteil und Begriff.

Ein dritter Teil gibt einzelne Beispiele aus den Unterrichten durch insgesamt elf Autoren. Der Autor der Rezension kann nicht anders als begeistert sein über die Art der vorliegenden Zusammenstellung! Selbstverständlich hat er nach fast vier Jahrzehnten der unterrichtenden Tätigkeit auch selbst Beispiele, die im dritten Teil des Buches hätten stehen können. Dennoch glaubt er, dass vor allem »junge« Lehrer im Anfang ihrer Tätigkeit – wie auch interessierte Eltern – von dem gebotenen Überblick auf ihrem je eigenen Weg »zum sich selbst erziehenden Erzieher« profitieren können.

Richard Landl (Hrsg.): Aufbruch in die Welt – Waldorfpädagogische Grundlagen der Oberstufe mit Unterrichtsbeispielen, 378 S., kart., EUR 30,–, Verlag am Goetheanum, Dornach 2018

Folgen