Aufklärung aus der Peripherie

Von Renatus Derbidge, April 2015

Wer Wolfgang Schad als Autor und Redner kennt, weiß, wie vielfältig sein »Oeuvre« ist. Zumeist sind es Themen der Naturwissenschaften oder Menschenkunde und zumeist kommt irgendwann Goethe vor. Zu einigen Themen hat er seitenstarke Werke und unzählige Aufsätze verfasst, was einen Überblick erschwert.

Um so mehr überrascht der »periphere Blick«, ein kleinformatiges Buch von knapp über 100 Seiten. Es beleuchtet, wie ein ergänzender Blick, ein Blick aus dem Umkreis, erst ein vollständiges Bild des jeweils betrachteten Phänomens ergibt.

In zwölf eigenständigen Kapiteln, die jeweils das Thema in einem bestimmten Fachbereich darstellen (Genetik, Neurobiologie, Ökologie, Physik, Soziales, Erziehung usw.), verfolgt Schad diesen Ansatz. Neben den geistreichen Gedankengängen scheint mir das Heftchen auch eine Art »Enzyklopädie des Schadschen Kosmos« zu sein. Wer jeweils mehr zu einem Thema lesen will, bekommt durch zahlreiche Verweise die Quellen zu den Schadschen Langfassungen des entsprechenden Aspektes angeboten.

Wegen der Knappheit und der leider zu knapp gehaltenen Einleitung, in der das Anliegen des Untertitels »die Vervollständigung der Aufklärung« zu kurz kommt, bleibt mir die Frage, wie verständlich das Büchlein für Leser ist, die »Schad« noch nicht kennen.

Schad verlangt Eigenständigkeit vom Leser. Vermag der Leser diese einzubringen, ist der gewählte Ansatz ein großer Gewinn, denn der bunte Fächerkanon und die Beispiele zeigen, wie fruchtbar, ja notwendig der ergänzende periphere Blick ist.

Das ist gerade in der Kürze begeisternd. Es ergibt sich aus der Fülle ein stimmiges Bild, was Schads Thema und Anliegen beim Lesen mehr und mehr zum Vorschein kommen lässt. Ein moderner Ansatz, wenn er bewusst so angelegt ist: Man ist aufgefordert, den Untertitel, der erstmal wie eine wenig verständliche Provokation wirken kann, sich selber zu erschließen.

Gelingt das, kommt der Leser zu einer selbst erarbeiteten und somit verinnerlichten Erkenntnis: Steiners »Bologna-Vortrag« (über das Ich, das sich am Leib spiegelt) wird hier bis in die Methode nachvollziehbar. So handelt es sich bei dem Büchlein um ein Kleinod, einen Schlüssel zur Anthroposophie – nicht nur für Pädagogen, Naturwissenschaftler, Anthroposophen, sondern für jeden als Schulung in Selbsterkenntnis.

Wolfgang Schad: Der periphere Blick. Die Vervollständigung der Aufklärung, kart., 107 S., EUR 15,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014

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