Aus der Perspektive eines Autisten

Von Gise Kayser-Gantner, Mai 2014

»Der Junge vom Saturn« verspricht Einsichten in eine verschlossene Welt, eine Welt, die trotz medizinischer und wissenschaftlicher Möglichkeiten schwierig zu erschließen ist. Die zahlreichen Fotos zeigen einen sympathischen unauffälligen Jungen. Er ist ein guter Schüler in der Grundschule, im Gymnasium fällt auf, dass er bestimmte Bereiche mit Bravour meistert, aber anderen »verständnislos« begegnet, wie sein Aufsatz »Ein Geschenk machen« zeigt. Mit dem Vermerk »Thema verfehlt« erhält er ihn zurück und versteht gar nichts. Er hatte detailgetreu beschrieben, wie er das Geschenk mit großer Sorgfalt schön verpackt. Was der Lehrer vermisste, war der emotionale Teil, etwas das diesem Schüler verschlossen ist.

Peter Schmidt ist heute promovierter Geophysiker und IT-Experte. Erst mit über 40 entdeckt er seine Diagnose: Autist mit ausgeprägtem Asperger-Syndrom. In seinem Buch beschreibt er in lautbildreicher Sprache seinen Weg vom Innen- zum Außenleben, vom Säuglings- bis zum Jugendalter. Deutlich kann der Leser nachvollziehen, wie sich Schmidts Leben Schicht um Schicht von innen nach außen wendet und er darum ringt, Begegnungen mit Unerwartetem auszuhalten. Denn hier liegt sein größtes Problem: Er braucht wiederkehrende Ordnungselemente. Schon das Fehlen »seiner« Tasse macht eine Kaffeerunde zur Katastrophe. Das führt ihn dazu, Rettungsstrategien zu entwickeln. Versuchte er bisher, alles zur eigenen Sicherheit in bekannten Grenzen zu halten, entwickelt er nun zusätzlich zu Plan B auch noch die Pläne C bis F, um Unwägbarkeiten so gut als möglich einzubauen.

Seine Mutter hegte lange Zeit Zweifel, ob das Gymnasium die richtige Schule für ihn sei. Doch Peter traf immer wieder auf Lehrer, die seine besonderen Begabungen ans Licht holten. So entdeckte einer von ihnen, dass Peters Brückenmodell zwar hässlich war, seine Ausgangsüberlegungen aber, wo Bruchstellen der Konstruktion sein könnten, sich in der Praxis bewährten. Seine Brücke war die einzige, die alle Zerstörungsversuche überstand.

Der promovierte Autor blickt nachdenklich auf die neueren Entwicklungen im Bildungsbereich. Für ihn steht außer Frage, dass sein Schülerleben heute noch viel schwieriger verlaufen wäre.

Dieses Buch erschließt eine andere Dimension des Denkens und öffnet die Augen für die Schönheit der inneren Erlebnisse eines Menschen, der sich nicht angepasst hat.

Peter Schmidt: Der Junge vom Saturn – Wie ein autistisches Kind die Welt sieht, geb., 240 S., EUR 19,99, Patmos Verlag, Ostfildern 2013

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