Bildung im Bergwald

Von Peter Aeschlimann, Juni 2018

Christoph Leuthold dokumentiert in diesem Buch sein Lebenswerk, die »Bildungswerkstatt Bergwald«, kurz BWBW. Er leistet damit einen zentralen Beitrag zur Jugendbildung.

Das BWBW-Projekt greift die seelisch-soziale Situation der heutigen Jugend auf: Eine oft weit fortgeschrittene Naturentfremdung, seelische Heimatlosigkeit und Sinnleere, dazu ein allgemeiner Mangel an manuellen Fähigkeiten. Im ersten Teil des Buches schildert Leuthold die praktische Arbeit in der BWBW. Jugendliche arbeiten für eine oder zwei Wochen mit ausgebildeten Fachleuten im Schutzwald der Bergregionen. Es geht dabei nicht nur um Spiel, Sport und Erholung. Die Arbeit der jungen Menschen ist eine existenziell wichtige und notwendige. Dem nachhaltig gepflegten Schutzwald verdanken die Bergregionen überhaupt erst ihre Bewohnbarkeit. Der Aspekt der Nützlichkeit ist für junge Menschen von größter Wichtigkeit. Sie erleben, dass sie gebraucht werden und dass ihre Arbeit wertvoll ist.

Dazu wird auf die oben angesprochene Entwicklungssituation der Jugendlichen eingegangen: Sie gewinnen eine zunehmend intensivere Verbindung mit der Natur, die wesentlichste Voraussetzung für den partnerschaftlichen Umgang des Menschen mit der Umwelt. Zudem erwerben sie sich durch die strenge Arbeit im Bergwald eine gesunde, solide Selbst-, Sozial-, Methoden- und Sachkompetenz. Ihre Arbeit ist für sie selbst und für die Natur eine Wohltat, belegt durch die zahlreich zitierten Rückmeldungen von Jugendlichen, Forstfachleuten und Lehrpersonen. Die Ergebnisse verschiedener Studien zum BWBW-Projekt sind sehr positiv.

Eine wesentliche Qualität dieses Buches ist die Schilderung fundierter methodisch-didaktischer Ansatzpunkte für die Arbeit mit Jugendlichen im Bergwald. Ausführlich geht Leuthold auf die Grundlagen dieser Methodik ein. Klar, anschaulich und konkret beschreibt er die Hauptaspekte der goetheanistischen Wissenschaft. Überzeugend gelingt es ihm, deren Bedeutung für das Begleiten und Führen von Kindern und Jugendlichen zu schildern.

Der Ansatzpunkt des Goetheanismus wird auch für Nicht-Kenner dieser Methode an vielen Beispielen veranschaulicht. Daraus hervorgehend entwickelt Leuthold ein ganzheitliches Menschenbild, das Voraussetzung für eine zeitgemäße und zeitnotwendige Menschenbildung ist. »Lebenslernen« als eine Grundhaltung induktiven Lernens – Handeln – Erleben – Verstehen, das ist eine Kernaussage des Buches. Das methodisch-didaktische Prinzip der BWBW wird so zum Bildungsprinzip ganz allgemein und stellt einen Kontrapunkt zur heutigen Digitalisierungswelle dar.

Christoph Leuthold: »Lebenslernen« macht Schule. Impulse zu einer ganzheitlichen Pädagogik. Erfahrungen aus zwanzig Jahren Bildungswerkstatt Bergwald, brosch., 456 S., EUR 40,–, hep verlag, Bern 2017

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