Der Ausdruck der Inklusion

Von Ulrike Barth, März 2021

Handwerk untersuchte in einem siebenjährigen Forschungsprozess vier verschiedene Waldorfschulen, die auf dem Weg zur Inklusion sind oder sich als inklusiv bezeichnen.

Sie beschäftigt sich mit dem Paradigma »Rekonstruktiver Inklusions­forschung«, hält also nicht nach quantifizierbaren (Erfolgs-) Parametern Ausschau, sondern geht den »Sinn- und Bedeutungsstrukturen inklusiven Unterrichtens für Prozesse von Bildung und Individuierung« der Schüler« nach. Sie zeigt an Fallbeispielen auf, wie sehr sich – gerade prekäre – Bildungsverläufe einer rigiden Zeittaktung entziehen und wie sie dennoch dem Risiko des Scheiterns unterliegen, wenn sie – wie im staatlichen Schulwesen üblich – einer solchen unterworfen werden. Den Waldorfschulen stehen hier Freiräume offen, die sie in den untersuchten Fällen konstruktiv zu nutzen wussten, was nachweislich zum Bildungserfolg der Schüler beigetragen, diesen vielleicht überhaupt erst ermöglicht hat. Eine besondere Stärke, vielleicht sogar ein Alleinstellungsmerkmal der Studie ist, dass sie die Rahmung der individuellen Bildungsbiografien dezidiert in den Blick nimmt. Gegenstand ihrer Analysen sind daher die Peer-Beziehungen, der Unterricht, das professionelle Selbstverständnis der Lehrpersonen und auch die organisatorische Ebene, die durch Interviews mit den Geschäftsführungen erfasst wird. So liefert die Studie eine Fülle substanzieller Erkenntnisse zu Prozessen inklusiver Bildung, von denen einige spezifisch für die Situation an Freien Waldorfschulen sind, andere aber auch eine grundlegende Bedeutung für den Inklusionsdiskurs insgesamt haben.

Mich hat dieses Buch berührt. Es hat für mich den Nachklang einer Reflexion meiner früheren Tätigkeit an einer inklusiven Waldorfschule. Es geht nämlich dezidiert in unserer Arbeit um jeden einzelnen Schüler, immer wieder aufs Neue. Und dabei ist das ganze Buch in einer fein ausgewählten, wunderschönen Sprache geschrieben, ich habe einige Stunden darin gebadet: Erziehungswissenschaftliche Forschung kann einen künstlerischen Aspekt transportieren und innehaben.

Hanne Handwerk: Inklusion als Ausdrucksgestalt. Rekonstruktive Inklusionsforschung an Freien Waldorfschulen. Fallanalysen von Protokollen schulischer Akteure im Inklusionskontext, 483 S., Softcover, EUR 54,99, Springer VS, Wiesbaden 2020

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