Der erste Lehrerkurs Rudolf Steiners als Studienausgabe

Von Tomaš Zdrážil, November 2019

Das Erscheinen der Studienausgabe des vorbereitenden Lehrerkurses ist in zweierlei Hinsicht wichtig.

Zum einen wurden sämtliche Textunterlagen aller drei Teile (Bände GA 293-295) überprüft. Zum anderen werden hier zum ersten Mal alle pädagogischen Vorträge und Besprechungen (49 an der Zahl!) in der Abfolge wiedergegeben, in der sie tatsächlich zwischen dem 20. August und 5. September 1919 in Stuttgart stattgefunden haben. Dadurch wächst der Band auf beachtliche 944 Seiten an.

Bei der Allgemeinen Menschenkunde (die Rudolf Steiner selbst jedoch als Allgemeine Pädagogik tituliert hat) bestätigte die editorische Arbeit weitgehend die Verlässlichkeit des bisherigen Textes. Schließlich wurden bereits 1919 während des Lehrerkurses jeden Morgen durch Rudolf Steiner selbst die vervielfältigten Typoskripte dieser »Morgenvorträge« zum Studium an die Teilnehmer verteilt.

Trotzdem gibt es wesentliche Neuerungen: Die bekannte nicht stenographierte Passage, die bisher immer in den Hinweisen abgedruckt wurde, ist zum ersten Mal in den ersten Vortrag selbst eingefügt, was zu begrüßen ist. Der Hinweisapparat wurde präzisiert und erweitert. In die Literaturhinweise wurden systematisch auch die Werke der besprochenen Autoren eingearbeitet, die sich in Steiners Bibliothek befinden. Ähnlich wurde bei dem Kurs Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches verfahren.

In einem deutlichen Kontrast zu diesen überschaubaren Veränderungen stehen die Seminarbesprechungen. Dieser Text hat sich insofern verändert, als das Dialogische nach den Mitschriften wiederhergestellt wurde und die Teilnehmernamen und -beiträge ergänzt wurden. Bekanntlich ging es hier schwerpunktmäßig um Übungen, die Steiner den Teilnehmern aufgegeben hat. Der Text hat dadurch etwas vom Gesprächscharakter der sogenannten Konferenzen, auch wenn nicht die Teilnehmer ihre Fragen Steiner stellten, sondern umgekehrt. Man sieht, dass zum Beispiel die Sprachwissenschaftler Hahn und Oehlschlegel mit dem Musiker Baumann das Bruchrechnen einführen sollten.

Der sich selbst als phlegmatisch sehende Wissenschaftler Stockmeyer sollte sich im Zeichnen nicht nur mit dem phlegmatischen, sondern auch mit dem cholerischen Temperament befassen. Die Naturwissenschaftlerin von Mirbach sollte die altägyptische Kultur darstellen. Es wurde also von Steiner das Prinzip des fachfremden Unterrichtens angewendet, was ja große Ansprüche an die Selbstüberwindung stellt und die Phantasie anfeuert. Es sollten aber auf der anderen Seite auch Referate aus den Fachgebieten gehalten werden, in denen sich die Teilnehmer auskannten: Stockmeyer oder Strakosch über Geometrie oder Baumann über Musik, der Amerikaner Oehlschlegel über die Geographie von Mississippi.

Es erscheinen auch alle erhaltenen Ausarbeitungen und Versuche, sowohl gekürzt eingefügt in den Text wie auch vollständig im Anhang. Sogar neue Bilder und Zeichnungen wurden gefunden und abgedruckt. Man kann sich nun zum Beispiel eine viel konkretere Vorstellung davon machen, wie die Teilnehmer mit der als besonders schwer empfundenen Botanik-Aufgabe am Ende der 10. Seminarbesprechung gerungen haben und wie die Ausarbeitungen dazu in der 11. ausgegangen sind. Wie wesentlich die Erweiterung der Seminarbesprechungen ist, bezeugt die Tatsache, dass – bezogen auf den GA-Band 295 – die Seitenzahl von 198 auf 352 angestiegen ist.

An den beiden Sonntagen während des Kurses haben die Teilnehmer die drei halböffentlichen Mitglieder-Vorträge Steiners besucht. Steiner knüpft im vierten Menschenkunde-Vortrag inhaltlich an einige Aspekte aus dem Vortag an. Diese Vorträge wurden in die Studienausgabe ebenfalls aufgenommen. Der Abendvortrag vom 31. August 1919 richtete sich vornehmlich an die anwesenden künftigen Schuleltern.

Jeder, der eingehender die Lehrerkurse studiert, ist beeindruckt von deren Komposition. Hatte Steiner bei dem Aufbau der Vorträge einen bestimmten Plan? Bei dieser Frage konnte man auf die Sammlung der Notizbücher und Notizblätter Steiners gespannt sein, die beinahe 100 Seiten des Bandes umfassen. Jedoch keine einzige Seite enthält etwas in dieser Richtung. Es handelt sich mehr um einzelne Stichworte zu den Vortragsausführungen, Aufgaben mit Namen, sogar kurze Notizen über die Teilnehmer (»…Oehlschlegel – offener Mund …«). Einem Notizblatt kann man entnehmen, dass Steiner noch während des Kurses mit dem Berliner Lehrer Rudolf Meyer als Klassenlehrer und mit dem Tübinger Theologen Hermann Heisler für den Religionsunterricht gerechnet hat. Beides hat er sich doch schließlich anders überlegt. Der Orientierung in diesem opulenten »Handbuch« dient die Kolumnenzeile, die jeweils sowohl das Datum und die Uhrzeit, wie auch den Kurs und die Zahl der entsprechenden Einheit enthält.

Zusammenfassend sei hervorgehoben, dass mit diesem »Handbuch« der erste Lehrerkurs zum ersten Mal auch optisch in seinen drei Segmenten als Einheit erscheint. Bisher wurde er immer etwas künstlich in drei Teile auseinandergerissen. Die enge Verbindung zwischen Menschenkunde, Methodik und Lehrplan scheint für die zukünftige Entwicklung der Waldorfpädagogik von großer Bedeutung. Es geht darum, dass sich ihr methodisch-didaktischer Teil nicht verselbständigt, sondern sich in enger Anbindung an die Menschenkunde entfaltet. Es geht auch darum, dass die Menschenkunde nicht als Theorie (Anthropologie) ohne direkten Zusammenhang mit der Unterrichtspraxis aufgefasst wird; und schließlich darum, dass der Lehrplan immer (nur) als eine Sammlung von Anregungen und Beispielen gehandhabt wird, die die Lehrer in der eigenen pädagogischen Praxis ausarbeiten, ergänzen und erweitern.

Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde – Methodisch-Didaktisches – Seminar. Studienausgabe, 944 S., EUR 79,–, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2019

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