Der König hat nicht immer Recht

Von Wolfgang Debus, Mai 2014

Eine spannende »Reisebeschreibung« vom Taksim-Platz nach Island haben der Schauspieler Walter Sittler und Gerd Leipold, der ehemalige Vorsitzende von Greenpeace, verfasst. Das Buch erweist sich als guter Berater für alle, die sich einmischen wollen.

Das erste Kapitel schildert das Treffen der beiden Autoren in Stockholm auf der Vasa. Dieses damals größte Kriegsschiff der Welt lief 1628 vom Stapel und kenterte nach kurzer Fahrt am Ausgang des Hafens, weil der König verfügt hatte, auf dem oberen Batteriedeck zusätzliche Kanonen in beträchtlicher Zahl zu installieren. Keiner der verantwortlichen Konstrukteure durfte dem König widersprechen, obwohl klar war, dass das Schiff damit nicht seetauglich war. Der Vorfall wurde gleich nach dem Unglück von einer Gerichtskommission untersucht, acht verantwortliche und vermeintlich Schuldige, an der Konstruktion des Schiffes beteiligte Männer waren angeklagt. Die Kommission kam zu dem Ergebnis: Alle Angeklagten haben korrekt gehandelt, niemand von ihnen ist schuldig. Die Verantwortung für das Unglück trägt allein der König. Der aber kann nicht schuldig gesprochen werden.

Angesichts der Rechtsgewohnheiten der damaligen Zeit war das ein überraschend sauberes Verfahren, ohne Vertuschen, Lobbyismus und Bauernopfer, bezeichnend für die Vorreiterrolle Schwedens in Sachen Demokratie.

Die weiteren Berichte der beiden Autoren von ihren Begegnungen an demokratisch »beheizten« Orten von Mai bis Herbst 2013 sind hautnah, dichter und umfassender als alle Nachrichten, die wir aus den Medien kennen.

Wie verhält man sich, wenn man am Taksim-Platz in Istanbul Zeuge wird und aus der Nähe sieht, wie ein Demonstrant von der Polizei zusammengeschlagen wird?

Wie kann man überhaupt Hoffnung schöpfen und nicht resigniert aufgeben, angesichts einer so ausgeprägten und undurchsichtig vielfältigen Korruptionslandschaft auch innerhalb Europas, wo jeder Staat seine eigene »K-Kultur« pflegt, mit den entsprechenden, meist undurchschaubaren Macht- und Lobby-Strukturen?

Aber beide Autoren haben einen großen Schatz von Erfahrungen aus ihrem Engagement in Bürgerinitiativen und der Bürgermitgestaltung, wie man Firmen in sozialen und Umweltfragen zu konstruktiven und zufriedenstellenden Lösungen bringen kann.

Walter Sittler, Gerd Leipold: Zeit, sich einzumischen. Vom Taksimplatz nach Island. Begegnungen auf dem Weg ins Anthropozän, geb., 288 S., EUR 19,99, Sagas Edition, Stuttgart 2013

Buch bestellen

Folgen