Die Katastrophe der digitalen Bildung

Von Franz Glaw, April 2021

»Die Katastrophe der digitalen Bildung« folgt auf »Die Lüge der digitalen Bildung« (s. Heft 01/2016).

Unwillkürlich fragt man sich, was denn jetzt noch folgen soll, vor allem wenn man die plakative Aufmachung in Schwarz-Weiß mit wenigen Rottönen betrachtet, die sich deutlich von der dezenteren, mit professoralen Weihen versehenen »Lüge« abhebt. Aber der Autor Ingo Leipner geht auf diesen Marketingaspekt mit charmanten Selbstzweifeln in der Vorrede ein und macht schnell deutlich, warum in seinen Augen ein gewisser Alarmismus durchaus angebracht ist. Das wirkt unmittelbar einleuchtend, wenn man sich die zahlreichen Verlautbarungen vergegenwärtigt, die unisono von der »Alternativlosigkeit der Digitalisierung« reden, als sei diese ein Naturgesetz.

Vor dem Hintergrund der Pandemiekrise werden durch Leipner vielfältige neuere Erkenntnisse anschaulich und präzise belegt dargeboten, die die Überzeugung der Digitaladventisten ins Wanken bringen sollten. Neben einer detaillierten Aufklärung über die Hintergründe und Folgen der Learning Analytics, einer Technologie, die vor allem in Verbindung mit biometrischer Vermessung ein lebenslanges Überwachen und ein entsprechendes Manipulieren möglich macht, über einen Blick ins »Backend« der Macher suchterzeugender Internetangebote hin zu den sozialen Folgen der digitalen Bildung als »Spaltpilz« wird eine breite und bedrohliche Gewitterwolke gemalt, um deren Herannahen Eltern, Erzieher und Lehrer wissen sollten. Auch an bereits bekannte Hintergrundphänomene wie den Einfluss der Digital-Konzerne auf Bildungsinhalte und Schule wird erinnert.

Es bleibt aber nicht bei diesem düsteren Bild, denn im letzten Kapitel werden positive und zukunftsweisende Alternativen aufgezeigt, die ohne eine naive Technikfeindlichkeit einen sinnvollen und vor allem kindgerechten und entwicklungsbezogenen Umgang mit moderner Technik vorleben. Theoretisch sorgfältig fundiert und praktisch erprobt (Bleckmann, Hübner). Äußerst hilfreich und unbedingt empfehlenswert ist der »Einblick ins Buch« zu Beginn, der deutlich macht, dass jedes Kapitel unabhängig von den anderen verstehbar ist und der der Gefahr begegnet, dass man gerade das letzte Kapitel übersieht. Vor allem, weil sicher nur wenigen Waldorflehrern und -eltern die im Schlusskapitel aufgeführten zehn Thesen des Bündnisses für humane Bildung bekannt sein dürften, bietet dieses Buch einerseits Argumentationshilfen für die zu erwartenden Forderungen auch an die Waldorfschulen, mit denen wir uns in der »Nach-Corona-Zeit« sicher auseinandersetzen müssen, und kann Anregung sein für Ideen zu einer Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik auch nach »Waldorf100«.

Ingo Leipner: Die Katastrophe der digitalen Bildung: Warum Tablets Schüler nicht klüger machen – und Menschen die besseren Lehrer sind, geb., 304 S., EUR 19,99, Redline Verlag, München 2020

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