Digitale Bildung – ein Widerspruch

Von Edwin Hübner, Dezember 2018

Gründlich und fundiert über etwas nachdenken – gerade bei der »Digitalisierung« des Unterrichts ist das besonders wichtig: Denn es geht um Kinder. Populistische Slogans wie »Digital First. Bedenken Second.« erheben die Gedankenlosigkeit zur Maxime. Eine verantwortungsvolle Diskussion dagegen erwägt das Für und Wider von vielen Seiten aus und bezieht vor allem die seit Jahrzehnten erfolgte erziehungswissenschaftliche Forschung und Diskussion über Bildung mit ein.

Für Menschen, die in dieser Weise sachlich bedenken wollen, ist das neue Buch des Erziehungswissenschaftlers Christian Rittelmeyer geschrieben. Rittelmeyer hatte bis 2003 eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen inne. Seine Arbeitsschwerpunkte waren unter anderem pädagogische Psychologie, Bildungstheorie und Ästhetische Bildung. Er ist in der Vergangenheit durch eine Vielzahl sehr sachkundiger Veröffentlichungen in Erscheinung getreten.

Rittelmeyer will keine grundsätzliche Kritik an der Nutzung von Digitaltechnik in der Schule üben, sondern es geht ihm um die Frage »an welchen pädagogischen Prinzipien der Diskurs um Sinn oder Unsinn der »digitalen Bildung« rationale Urteilsmaßstäbe gewinnen kann« (S. 7). Rittelmeyer geht es also um das sachliche Bedenken, des »Warum?«, des »Was auch noch?«, des »Wo?«, des »Wie«. Er spricht nicht nur über das sachliche Bedenken, sondern er macht das auch vor, indem er verschiedene Aspekte beschreibt, Kritisches unaufgeregt charakterisiert und in der öffentlichen Diskussion übersehene Gesichtspunkte herausarbeitet.

Im ersten Teil des Buches analysiert er exemplarisch gegenwärtige Diskurse und zeigt auf, an welchen Stellen mit rhetorischen Mitteln gearbeitet wird, die nicht argumentierend überzeugen möchten, sondern strategisch geplant überreden wollen, wobei systematisch wesentliche Aspekte der Bildung ausgeblendet werden. Vor allem fehlt das »Primat des Pädagogischen« – das fordert Rittelmeyer energisch ein.

Ein ganzes Kapitel widmet er der Forschungslage zum Computereinsatz im Unterricht. Beispielsweise weist er darauf hin, dass im Schnitt der OECD-Länder kein Vorteil bei vermehrtem Computereinsatz zu konstatieren ist. Auch herrschen in der derzeitigen Forschungslandschaft selektive Blicke vor. Die Studienlage ist einseitig. Neben den Studien über die Auswirkungen des Computereinsatzes auf die Schulleistungen fehlen Forschungen zur Gesundheitsgefährdung, Haltungs- und Sehschäden, Suchtphänomene, allgemeine Entwicklungsstörungen, Sprachstörungen, oder Verzögerung der Schreibfähigkeit und Rechtschreibung und auch Probleme des Sozialverhaltens. Einzelne Studien, die bisher in dieser Richtung erfolgten, zeigen die Notwendigkeit solcher Untersuchungen.

Im zweiten Teil seines Buches hebt Rittelmeyer vier Grundsätze des pädagogischen Denkens und Handelns hervor, die in der gegenwärtigen Diskussion sehr viel stärker zu beachten sind:

  • Kinder dürfen nicht auf bestimmte Fähigkeiten hin erzogen werden, sondern sie müssen in ihrer allseitigen Bildung unterstützt werden.
  • Kinder müssen möglichst frei von Furcht und Zwang heranwachsen können; sie sollen durch menschliche Zuwendung und Ermunterung erzogen werden.
  • Die Erziehung der Kinder und Jugendlichen muss sich auf deren geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklungsstand und ihre jeweils spezifische Perspektive der Weltwahrnehmung beziehen.
  • Heranwachsende sind in einer modernen Pädagogik zunehmend und ihrem jeweiligen Alter angemessen zur Selbsttätigkeit aufzufordern.

Anhand dieser vier pädagogischen Maximen entwickelt Rittelmeyer beispielhaft wie sich eine am »Primat des Pädagogischen« orientierte sachliche Diskussion über die Digitalisierung in Bildungseinrichtungen entwickeln könnte.

Im dritten Teil des Bandes arbeitet Rittelmeyer die große Bedeutung der künstlerisch-ästhetischen Bildung für die Schule der Zukunft heraus. Anhand der derzeitigen Forschungslage verdeutlicht er beispielsweise deren positive Verschränkung mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen. Auch hier wieder zeigt sich Rittelmeyers weiter erziehungswissenschaftlicher Horizont, der in der Lage ist, den derzeit auf »digitale Bildung«, »MINT-Bildung« verengten Blick auf grundsätzliche Aspekte der schulischen Bildung zu erweitern, die wesentlich zur Allgemeinbildung der jungen Menschen beitragen.

Rittelmeyers Fazit am Ende: »In diesem weiteren erziehungswissenschaftlichen Horizont wird dann auch der »digitalen Bildung« auf Grundlage der hier vorgestellten Argumente ein zwar markanter, gleichwohl im didaktischen Gesamtensemble vermutlich eher bescheidener Aufenthaltsort zugewiesen werden.«

Christian Rittelmeyer: Digitale Bildung – ein Widerspruch. Erziehungswissenschaftliche Analyse der schulbezogenen Debatten, PB, 182 S., EUR 24,50, Athena-Verlag, Oberhausen 2018

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