Ein dürftiger Überblick

Von Christian Boettger, Februar 2013

Winfried Böhm, emeritierter Professor für Pädagogik an der Universität Würzburg und fünfzehn Jahre lang Präsident der Deutschen Montessori-Gesellschaft, liefert mit diesem Buch eine zwar handliche, aber inhaltlich unbefriedigende Alternative zu einigen sehr umfangreichen Werken über Reformpädagogik (Ehrenhard Skiera, Herrmann Röhrs, Jürgen Oelkers). Böhm fasst die Rezeptionsgeschichte der Reformpädagogik zusammen und zeigt, dass es sich zwar um einen deutschen Begriff handelt, aber vergleichbare Bewegungen auch in anderen Ländern zu finden waren. Dann geht er auf die Vorläufer der eigentlichen Reformpädagogik ein, zu denen Comenius, Rousseau, Pestalozzi und Fröbel gehören. Bei der »neuen Erziehung« in anderen Ländern, beschränkt sich Böhm auf Russland, Italien, Spanien, Frankreich und die USA. Schließlich werden die führenden Reformer und ihre Konzepte auf knappen fünf Seiten dargestellt. Böhm resümiert, dass zwar die Regelschule immer wieder der Kritik durch alternative Denkformen und Modelle bedarf, dass aber das reformpädagogische Modell niemals zu einer Regel oder Norm werden könne, weil man sonst die (alte) Regelschule als neue Alternative erfinden müsse.

Keiner der Pioniere der Schulreformen in Deutschland wird sich in den Darstellungen Böhms wiederfinden, das liegt insbesondere an dem Versuch, das Gemeinsame der verschiedenen Ansätze zu finden, was zu verzerrenden Pauschalisierungen führt.

Wäre es nicht hilfreich für Eltern und Studenten, die Konzepte und Ideen der Reformer so darzustellen, dass man sich für Erziehungsfragen begeistern und durch neue Ideen und Konzepte inspiriert fühlen könnte, die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen?

Übrigens gibt es entgegen Böhms Behauptung von der »Empirieabstinenz der Waldorfpädagogik« durchaus empirische Studien über sie: zum Beispiel die »Absolventenstudie« von Heiner Barz und Dirk Randoll. Volker Frielingsdorf stellt in seiner Studie »Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft« (2012) zu Recht fest, dass es kaum eine andere Schulform gibt, die empirisch so gut untersucht ist, wie die Waldorfpädagogik.

Winfried Böhm: Die Reformpädagogik – Montessori, Waldorf und andere Lehren, 126 S., EUR 8,95, C.H. Beck Wissen, München 2012 

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