Ein Muss zur Menschenkunde

Von Jan Vagedes, Dezember 2016

Das neueste Buch von Armin Husemann ist nicht nur ein Buch für Ärzte und Therapeuten, sondern auch für Pädagogen und Erzieher.

Dem Autor gelingt es, so zu schreiben, dass sich jeder angesprochen fühlen kann. Nicht nur die umfangreich zusammengetragenen Details neuester naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern die Einbettung derselben in goetheanistische und anthroposophische Gesichtspunkte machen dieses Buch zu einem »Need to have« für all diejenigen, die an einer Weiter­entwicklung der anthroposophischen Menschen-, Naturkunde, ganzheitlichen Pädagogik und Medizin interessiert sind.

Die ersten beiden Kapitel handeln von »Form und Leben« sowie »Leben und Bewusstsein«. Anhand der Phänomenologie unserer anatomischen Gestalt und der physiologischen Prozesse entwickelt Husemann anschaulich die Polarität zwischen Offenheit und Geschlossenheit, Bewegung und Ruhe, Gehirn und Darm. Gesundheit kann es nur geben, wenn es eine ausgleichende Mitte zwischen diesen Polaritäten gibt Brustkorb, Herz und Lunge werden als die physiologische Konsequenz aus dem polaren Zusammenspiel der Nerven-Sinnes-Prozesse auf der einen und der Stoffwechsel-Gliedmaßen-Prozesse auf der anderen Seite erlebbar.

Im dritten Kapitel wird die Frage gestellt: »Was unterscheidet den Menschen vom Tier?« Meisterhaft stellt Husemann entscheidende Phänomene dar, diesmal anhand der menschlichen Konstitution und Neigung zum »Unfertigen«, »Unsicheren«, zum »anatomischen Risiko« und somit letztlich zur ständigen Neigung zur Erkrankung und zur Verinnerlichung von Todes-Prozessen.

Der Aufbau und Verlauf des Buches bleibt stringent. Die Besonderheit des Menschen wird nun nicht mehr nur gegenüber dem Tier, sondern auch gegenüber den anderen Naturreichen dargestellt, und schließlich gezeigt, was als eine konsequente Folge der Fähigkeit zur Freiheit erscheint: sehr differenziert erkranken zu können, ja zu müssen. Unterschiedlichste Krankheitsbilder wie Asthma, Krebs, Lungenentzündung oder Magengeschwür werden dem Leser näher gebracht und zwar so, dass der Weg zum entsprechenden Heilmittel, zum ganzheitlichen therapeutischem Impuls unmittelbar aufleuchtet und Mut machen kann. Im vorletzten Kapitel bekommt die Heileurythmie einen besonderen Stellenwert.

Das Buch bietet Lehrern für die Mittel- und Oberstufe eine Fülle von Anregungen für den Unterricht. Mediziner können erleben, wie ihr Detailwissen in einem lebendigen Ganzen aufgeht – in jedem Fall eine spannende Lektüre!

Armin J. Husemann: Form, Leben und Bewusstsein. Einführung in die Menschenkunde der Anthroposophischen Medizin, geb., 391 S., EUR 49,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2015

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