Eindimensionale, trotzdem berechtigte Kritik

Von Johannes Kiersch, Februar 2020

Jürgen Kaube ist Herausgeber der FAZ und ein hervorragender Journalist. Wenn jemand mit seiner Kompetenz die gegenwärtige Situation des Schul- und Bildungswesens in unserem Land kritisch beleuchtet, darf man auf seinen Befund gespannt sein.

Hinter dem reißerischen Titel seines neuen Buches steckt ein durch solide Recherchen fundierter Frontalangriff auf besorgniserregende Zustände: die Zwänge, von denen die Lehrkräfte aller Schulstufen bedrängt werden, die Irritationen durch immer wieder neue Denkmoden praxisferner Theoretiker in den Erziehungswissenschaften, die irrationale Sehnsucht nach zentralen Einheitslösungen für alles und jedes, den utopischen Aberglauben, dass die Schule für den sozialen Aufstieg aller Kinder zu sorgen habe. Besonders verblüffend ist Kaubes beißende Kritik an den gegenwärtigen Digitalisierungsphantasien zuständiger Politiker, die Milliarden in Geräte investieren, deren vermeintliche Wirkung alles andere als wissenschaftlich gesichert ist. Was Edwin Hübner und sein Team an der Freien Hochschule in Stuttgart als moderne Medienpädagogik vertreten, wird hier überzeugend unterstützt.

Hart ins Gericht geht Kaube mit den Defiziten der akademischen Lehrerbildung. Er sieht »eine riesige pädagogische Begabungsreserve« bei den vielen Studenten, die sich für ihr Fach interessieren, aber vom Weg in die Schulen abgehalten werden, weil sie dort keine Freiheit mehr haben. Es werde vergessen, was sich in der berühmten Hattie-Studie von 2008 als das Wichtigste beim Lehren und Lernen herausgestellt habe: der individuelle Lehrer. »Was Schulen gegenüber Lehrplänen und überhaupt gegenüber der Schulaufsicht brauchen, ist mehr Autonomie«, findet Kaube.

Das nicht ganz leicht zu lesende Buch, vollgepackt mit Argumenten und Informationen, unterstützt in bemerkenswert vielen Punkten die bildungspolitische Position der Waldorfschulen. Auffallend daran ist aber zugleich eine symptomatische Beschränktheit der Perspektive. Lernen heißt für Kaube im Wesentlichen Denken lernen. Auch bei ihm ist die Schule der Zukunft vor allem anderen eine kognitive Veranstaltung. Da kommt dann doch zu kurz, was Waldorfschulen auf der Grundlage der Entwicklungspsychologie Rudolf Steiners und seiner Lehre von der Dreigliederung der Seelenfähigkeiten an künstlerischen und lebenspraktischen Übungen zu praktizieren gewohnt sind. Eine aufgeklärte, moderne Schule darf daran nicht vorbeigehen.

Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? geb., 334 S., EUR 20,– Rowohlt, Berlin 2019

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