Eine neue Grundlegung der Waldorfpädagogik

Von Sibylla Hesse, Februar 2016

Kann eine bald 100-jährige Pädagogik noch aktuell sein? Sie kann. Und wie! – Warum, das liest man in der Dissertation »Propädeutik der Unterrichtsmethoden in der Waldorfpädagogik« von Angelika Wiehl, klar gegliedert, verständlich und undogmatisch formuliert.

Wiehl gelingt in ihrem Grundlagenwerk die Beschreibung von Methoden, die die Basis der Waldorfpädagogik bilden. »Methode« meint Weg zum Ziel. Als fünf elementare, fachunabhängige Lehr-Lern-Methoden arbeitet Wiehl das bildhafte Lernen, das erzählende, das urteilsbildende Lernen, die rhythmische Rahmung sowie die Gesprächskultur heraus. Damit untermauert sie Rudolf Steiners Anspruch, auf eine Methodenschule (statt eine Weltanschauungsschule) zu zielen.

Steiner hat seine Ansätze nicht systematisiert, sondern nur verstreut dargestellt. Die Arbeit der Zusammenschau leistet Wiehl. Sie spricht von einer Propädeutik (»wissenschaftliche Vorbildung des Verständnisses und der Prinzipien«) und verortet ihre Betrachtung im »Vorfeld methodischer Handlungsweisen«, die Lernen initiieren. Denn jede Lehrkraft gestaltet den Unterricht je nach Ort, Zeit, Zielgruppe und sonstigen aktuellen Bedingungen individuell.

Ausgehend von der Tatsache, dass jeder nur selbst lernen kann, stellt Wiehl dar, dass zum Beispiel urteilendes Lernen dem Weg jeglicher Erkenntnis folge: Im Beobachten eines (im Unterricht dargebotenen) Sachverhalts komme zum Wahrnehmen das Vorstellen; aus letzterem bilde sich im Denken der individualisierte Begriff, der das Wesen der Sache erfasse.

Daher nehme Steiner in seiner Grundlegung einer Erkenntnistheorie zunächst die »Erste-Person-Perspektive« ein und weise, ausgehend von der Sinnesbeobachtung, einen philosophischen Weg (vgl. seine »Philosophie der Freiheit«). Als dritte, oberste Erkenntnisart stelle Steiner das »kontemplative Forschen« (A. Zajonc) oder das meditativ-intuitive Erkennen dar, das Aufschluss zu »anthroposophischen« Inhalten etwa über das Wesen des Menschen gebe.

Darin zeige sich das Verhältnis von Anthroposophie und Waldorfschule: Erstere biete die Methode, die zu einer Menschen- und Welterkenntnis führt, auf deren Basis dann die Waldorfpädagogik erarbeitet werden könne. Auf die Selbstbeobachtung der Seele stütze die Waldorfpädagogik ihre Erkenntnis und finde durch diese Lehrermethode eine theoretische Begründung, die Wiehl in den pädagogischen Diskurs einbringen will. Dabei unterzieht sie Steiners Texte und Vorträge einer kritischen Prüfung, markiert Ausgelassenes und zeigt die Entwicklung seiner Ansichten. Ihre Arbeit bestätigt die zu Beginn des Buches aufgestellte, M. Heitger folgende These, dass es »keinen Unterschied [gibt] zwischen der allgemeinen Erkenntnismethodik und dem Grundprinzip [der] dargestellten Lehr-Lern-Methoden« (S. 240).

Die zugrundeliegenden Erkenntnismethoden der Anthroposophie können nur in der tätigen Selbsterforschung und durch das Üben der Lehrenden errungen werden. Wiehl plädiert mit dem französischen Philosophen P. Hadot für ein Wiederaufgreifen des Übens im Sinne der antiken Lebensform der Philosophie. Bei der Dreigliederung des Menschen führe dieser Weg beispielsweise von dem »gegliederten Gestalt- oder Bilddenken« zum Denken in Zusammenhängen, wodurch das Menschenbild im Vorstellen und Denken nachgeschaffen werde. Die auf anthroposophisch-methodischem Weg erkannten altersstufenbezogenen Lerndispositionen helfen der Lehrkraft, passende Inhalte und Unterrichtsmethoden zu finden, aber nicht, wie in wissenschaftlichen Werken immer noch unterstellt, anthroposophische Inhalte zu transportieren.

Dogma werde die Waldorfpädagogik nur dann, wenn sie nicht methodisch selbst erworben wird. Die Kernfrage für WaldorflehrerInnen sei also, ob sie sich tätig übend die
(Erkenntnis-)Methoden erschließen, um zur pädagogischen Intuition zu gelangen, also zu zukunftsoffenen pädagogischen Visionen, aus denen sie, unabhängig von Normen und Traditionen, den Unterricht gestalten können. Da »jeder Mensch ein Neues« sei (Steiner), müsse Pädagogik individualisiert werden. Deshalb könne es keine Waldorfnormen geben.

Intuition lasse sich erleben und dann beschreiben, aber – darin der Kunst verwandt – nicht normativ fassen. Das Kapitel zur Intuitionsmethode wäre jeder pädagogischen Konferenz zur Lektüre zu empfehlen. Auch von Grundlegendem etwa zum »bildhaften« Unterricht kann man sich zu einer Betrachtung des eigenen Unterrichts anregen lassen.

Dieses Ausgehen vom Ich widerspricht jeglicher Standardisierung, wie sie in staatlichen Bildungsplänen vorgenommen wird oder sich aus vielen heute üblichen Lehr-Lern-Methoden ergibt. Wiehl ist sich bewusst, dass ihr Unterfangen, das nicht zu methodisierende Unterrichtsverfahren der Waldorfpädagogik mit den Begriffen der Unterrichtsmethodik zu systematisieren, ein Dilemma birgt. Sie löst es souverän.

Die an der Alanus Hochschule 2015 eingereichte Dissertation schließt an eine Reihe von neuen Untersuchungen an, die in den aktuellen pädagogischen Diskurs Positionen der Waldorfwelt auf universitärem Niveau einbringen und die Wahrnehmbarkeit unserer Erfolgsgeschichte nach außen verstärken. Nach innen treiben sie das Selbstverständnis voran, indem Steiners verstreut publizierte Ansätze sowohl gebündelt als auch historisch kontextualisiert werden. Dabei ergeben sich einerseits Abgrenzungen etwa gegenüber J. F. Herbart und dessen Schülern oder der von Steiner rezipierten und kritisierten Reformpädagogik, aber auch zu Waldorf-»Traditionen«. So ist etwa der in Klasse 5 zu schnitzende Kochlöffel zu einem Standard verkommen, der einer Fundierung in der Menschenkunde entbehrt. Andererseits finden sich Anknüpfungspunkte wie zu Fichte oder zu neuesten Forschungen etwa der Neurophysiologie.

Es ist zu hoffen, dass die in der Fachliteratur bislang übersehenen Waldorfmethoden jetzt nicht mehr übergangen werden, sondern dass die von Steiner entwickelte  ̶  und bewährte  ̶ Praxis in Gestalt der vorliegenden Überschau als fruchtbare Theorie wahrgenommen wird. Auch innerhalb der Waldorf-Community sind dem Band viele LeserInnen zu wünschen, die sich weder vom hohen Preis, noch von der kleinen, dichtgedrängten Schrift abschrecken lassen. Kleinere Redundanzen verdanken sich einerseits der Textsorte Dissertation mit Vor- und Rückblicken sowie dem langen Entstehungszeitraum, nutzen aber andererseits dem / der selektiv Lesenden. Für den Hausgebrauch wäre eine kürzere, praxisorientierte Fassung wünschenswert.

Angelika Wiehl: Propädeutik der Unterrichtsmethoden in der Waldorfpädagogik, geb., 282 S., EUR 51,95, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2015

Folgen