Fundgrube für den Philosophie-Unterricht

Von Günther Dellbrügger, April 2022

Nach dem Vorwort des Herausgebers Christian Clement zur »Morphologie des philosophischen Bewusstseins« bietet diese Neuausgabe eine lesenswerte Einleitung von Eckart Förster. Förster lehrte Philosophie in Baltimore/USA und Berlin. Sein Buch über die Blütezeit der deutschen Philosophie um 1800 »Die 25 Jahre der Philosophie« machte Furore als »one of the most important books on German philosophy« (Robert B. Pippin). Es ist Frank Teichmann gewidmet, durch den Förster die Anthroposophie kennen und schätzen lernte.

Nun hat Förster eine 90 Seiten umfassende Einleitung zu Steiners umfangreichem philosophiegeschichtlichem Werk »Die Rätsel der Philosophie« (1914) geschrieben. Sie schildert die Entstehung von Steiners ursprünglichem Werk von 1900/1901 »Die Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert«, das hier in seiner Urfassung erstmals zugänglich gemacht wird. Bei der Neuauflage von 1914 hat Steiner teils geringfügige Änderungen, teils aber auch »vielfache Umgestaltungen«, Streichungen und Zusätze vorgenommen. Alles das wird genau dokumentiert; man bekommt einen Einblick in Steiners Werkstatt!

Försters Einleitung scheut sich nicht, brisante Fragen zur Biografie Steiners anzusprechen, wie z.B. die »Begegnung mit dem Meister«. Zwischen Ablehnung – Helmut Zander spricht von einem »Märchen« – und Akzeptanz findet Förster einen dritten Weg, indem er die Bedingungen von Verstehen überhaupt bedenkt und – gegen Zander – auf diese Frage anwendet: Es gehe nicht an, einem Autor von vornherein zu unterstellen, dass er ein Lügner sei.

Wer sich durch Försters Text durcharbeitet, hat reichen Gewinn. Ihm erschließt sich Steiners epochales Werk zur Geschichte der Philosophie von den Vorsokratikern bis zu Einstein ganz neu.

Der ausführliche Stellenkommentar mit vielen Originalzitaten könnte eine Fundgrube für Streitgespräche im Oberstufenunterricht darstellen. Ein ausführliches Namensregister führt zu den gesuchten Autoren.

Philosophie erlebt in den letzten Jahren in Büchern und Fernsehsendungen eine Renaissance (Eilenberger, Precht, Safranski, Vossenkuhl u.a.). In diesem Zusammenhang scheint es mir eine wichtige Gegenwartsaufgabe zu sein, Steiner als Philosophen neu zu entdecken. Aus umfassender Sachkenntnis hat er in den »Rätseln der Philosophie« die unterschiedlichsten, ja gegensätzlichsten Denker von den Vorsokratikern bis zu Einstein von innen erschlossen und ihre Intentionen herausgearbeitet. Man findet hier die philosophischen Hinter- und Untergründe für brennende Gegenwartsfragen wie z.B.: Kann ein zutiefst moralischer Impuls in einer kausal bestimmten Welt überhaupt wirksam werden? Lässt unser Weltbild Platz für ein Handeln aus Verantwortung, aus moralischer Intuition?

Jeder Schule, an der Philosophie bzw. Ethik unterrichtet wird, sei dieses zweibändige Werk als Fundgrube für den Unterricht wärmstens empfohlen.

Christian Clement (Hrsg.): Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert. Band 1 und 2. Die Rätsel der Philosophie von Rudolf Steiner. Mit einer Einleitung von Eckart Förster, 678 S., Leinen., EUR 216,–, Verlag frommann und holzboog, Stuttgart 2020/21

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