Herausforderung der Globalisierung angenommen

Von Friederun Christa Karsch, Januar 2011

Mit Blick auf die aktuelle weltwirtschaftliche Krisenlage breitet im vorliegenden Buch ein Siebengestirn an Autoren seine Einsichten aus. Jeder der Autoren verfügt nicht nur über profundes gedankliches Rüstzeug aus dem Studium der Anthroposophie, sondern auch über eine Berufserfahrung, in die die Impulse aus diesem Studium eingeflossen sind.

Götz Werners Einstieg regt, erfrischend erfahrungsgesättigt, sofort zum Mitdenken – und ersten Umdenken! – an. Darüber hinaus: Wo immer er über den Unternehmer spricht, wie er ihn zu verstehen gelernt hat, ist man versucht, den Begriff »Waldorflehrer« einzusetzen!

Thomas Jorbergs Beitrag bietet eine transparente Analyse, die bereits Anstöße zur Krisenbewältigung vermittelt – nicht zuletzt durch seine konkreten Beispiele.

Paul Mackay vertieft die Gesamtproblematik ins Grundsätzliche, vor allem durch Darlegungen zum Freiheitsbegriff. Es verwundert nicht, dass er von Waldorfpädagogen verlangt, sie müssten bei den Schülern den Grund zu einem zeitgemäßen Freiheitsverständnis legen.

Diese Gestik bestimmt auch die Ausführungen von Ulrich Rösch. Er nimmt den sozialen Organismus als Ganzes in den Blick und stellt dessen Dreigliedrigkeit  nachvollziehbar dar. Im Zeitalter einzelmenschlicher Emanzipation muss das soziale Leben dem Individuum als lebendigem Fähigkeits-, Beziehungs- und Bedürfniswesen sachgemäß entsprechen.

Für Gerald Häfners Beitrag ist damit der Boden gelegt, das Problem vom zentralen Bereich des Rechts anzugehen. Denn in unserer Epoche der Mündigen, Gleichen kann Recht nicht mehr von einem Einzelnen erzeugt, sondern will in der Begegnung mit dem  Anderen gefunden werden; Recht entsteht »zwischen« den Menschen, wenn sie »recht« mit einander umzugehen verstehen. Dann entstehen konkrete, lebbare Beziehungen, also ein Rechtsleben – zu dem wir allerdings mit unserem egozentrischen Blick auf die komplexen und

globalisierten Verhältnisse bisher kaum oder nur mit Mühe fähig und bereit sind. Weshalb die »Brüderlichkeit«, also die gelebte, konkretisierte Mitmenschlichkeit im Kleinen wie Globalen auf der Strecke bleibt:  eine Aufgabe für die Zukunft.

Damit bietet sich für Dietrich Spitta die Grundlage, in seinem Beitrag  die Notwendigkeit solcher Impulse herauszuarbeiten, wie sie sich nur aus einem geistig vertieften Menschenbild werden gewinnen lassen. Der einseitig auf das Physisch-Sinnliche orientierte Mensch lebt ohne  Gemeinschaftsbewusstsein, unterliegt er doch einer dreifachen Entfremdung: vom Mitmenschen, von der Natur und von der göttlich-geistigen Welt.

Spitta arbeitet diesen Zusammenhang in seinen historischen Wurzeln und Folgen bis in die aktuellen wirtschaftsrechtlichen Sachverhalte hinein konkret aus, wobei ihr Hintergrund, die spirituelle Dimension menschlichen Selbstverständnisses, komprimiert, aber zugleich nachvollziehbar zur Darstellung gelangt. Mancher mag sich da überfordert fühlen, doch ist genau hier der Punkt zu suchen, wo alles erforderliche Umdenken zur Mutfrage des Einzelnen wird. Denn eine »bessere« Welt bedarf einer neuen, auf Erkenntnis gegründeten Moral, ohne die nur weiter an den Symptomen der sozialen Krise herumgedoktert werden wird, ihr Kern aber nicht angegangen würde. Christoph Strawe schließlich fragt, inwiefern Freiheit zur gemeinschaftsbildenden Kraft werden kann. Denn Freiheit ist für den modernen Menschen unabdingbare Voraussetzung und Forderung, Grund seiner Würde.

Nur aus ihr kann reale Mitmenschlichkeit – Liebe – erwachsen, die den Mitmenschen in seiner Würde, damit in seiner Vertrauenswürdigkeit ernst nimmt. Sonst verkümmert unser gesellschaftliches Leben an selbstgerechtem Hochmut sowie Misstrauen, vor allem Misstrauen in den Anderen, dem man kein »Einkommen als Produktivitätskredit« zukommen lassen mag, sondern ihn nur noch als Kostenfaktor begreift. Ermutigend sind da Strawes Perspektiven aufzeigende Beispiele, die beweisen, dass sich weltweit Menschen auf den Weg machen, neues Denken und Handeln zu erüben.

Im Anhang unternimmt Spitta als Herausgeber nochmals eine Zusammenfassung, fokussiert auf »das Wichtigste und Vordringlichste«, nämlich »die Verbreitung der Assoziationsidee und einer geistigen Weltauffassung«, ohne die es bei der Suche nach einer echten Krisenüberwindung keine Orientierung geben wird.

Die Mitwirkung daran dürfte vornehmste Aufgabe gerade auch jedes Erwachsenen sein, der als Pädagoge jungen Menschen, als kundiger Zeitgenosse glaubwürdig Wege in »ihre« Zukunft weisen will. 

Dietrich Spitta (Hrsg.): Die Herausforderungen der Globalisierung: Konzepte und Grundlagen einer solidarischen Wirtschaft. 164 S., geb. EUR 16,80. Verlag Mayer, Stuttgart 2010

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